Kultur : Tatort Stadion

Gerwin Klinger

Ausfahrbare Rasenflächen, Schiebedächer, Video-Wände, beheizte Sitze und VIP-Lounges mit schäumender Salonbrause: Auch modernste Ausstattungen ändern nichts daran, dass Fußballstadien nach wie vor Arenen sind, die die Zuschauer in ein ebenso diszipliniertes wie ruppiges Kampfgeschehen hineinziehen. Zur symbolischen Auseinandersetzung der Spieler, bei der körperliche Gewalt zugleich freigesetzt und kontrolliert wird, gehören nicht nur Torjubel und Tränen, ihr entspricht auch die ungezügelte Militanz auf den Rängen. Der reguläre Schaukampf auf dem Spielfeld hat einen illegitimen Bruder - die Randale außerhalb des Stadions: Aufgeheizter Nationalstolz, rechte Gewalt suchen ihre Opfer.

"Tatort Stadion" heißt eine Ausstellung des Bündnisses Aktiver Fußball-Fans (BAFF), die den Blick vom Spielfeld auf die Zuschauerränge richtet. Aus Vereinen, Clubs und Presse-Archiven hat man Fotos, Transparente, Fan-Magazine, Abzeichen, Aufkleber und Sprüche zusammengetragen, die das massive Gewaltpotential einer rechten Fan-Szene zeigen, die die Stadien als Bühne für ihre Auftritte nutzt. Adler, Runen und Blitze - die Abzeichenkultur auf den "Kutten" lehnt sich eng an ihre Nazi-Vorbilder an. Die Namen der "Fan"-Gruppen sind ebenfalls wenig zimperliche Sympathiebekundungen: Endsieg, Zyklon B, Wannsee-Front, Presswerk, Glatzen oder Adlerfront. Ihre Sprüche schlagen schon mal verbal auf Minderheiten ein, Frauenfeindlichkeit und Sexismus werden offen zur Schau getragen. "Ausziehen! Ausziehen!", werden die Cheerleader-Gruppen der Vereine verspottet. Dass es sich bei dieser rechten Fan-Szene keineswegs um eine Randerscheinung handelt, belegen Auszüge aus den Berichten von Polizei und Verfassungsschutz. Sie konstatieren gerade in den letzten Jahren ein wachsendes nazistisches Gewalt-Potential in den Stadien.

Allerdings grölt in den Fan-Kurven kein brauner Einheitschor. Die Ausstellung bemüht sich um ein strukturiertes Bild, das Unterschiede und Zusammenhänge zwischen organisierten Neonazis, Skinheads und Hooligans deutlich macht. So zeigen die Abzeichen auch den Wandel in der Szene. Die in Fan-Clubs wie der Dortmunder Borussenfront organisierte Rechte, die mit ihren martialischen Emblemen in den achtziger Jahren noch das Bild dominierte, hat sich zurückgezogen. Dafür hat sich in den letzten zehn Jahren eine nazistische Skinhead- und Jugend-Kultur in den Stadien durchgesetzt, die ihre Gesinnung in einer verdeckten Zeichensprache, wie der "88" für den Hitlergruß, vermittelt. Die Hooligan-Szene, die sich nicht aus sozialen Underdogs, sondern aus den Mittelschichten rekrutiert, ist dagegen meist frei von ideologischen Leitbildern. Ihr geht es einzig um den Gewaltexzess, der provoziert und sich beliebige Ziele sucht.

Männlichkeit, Chauvinismus und Gewalt sind das Relais, über das sich spontane Bündnisse zwischen Hooligans und Skinhead-Szene herstellen. So wirbt die organisierte rechtsradikale Szene in diesem Milieu um Nachwuchs. NPD und DVU luden rechte jugendliche Fans des MSV Duisburg im Wahlkampf 1988 zu Kameradschaftstreffen ein; in Siegen war die Sauerländer Aktionsfront in den Stadien aktiv.

Eine Stärke der Ausstellung ist, dass sie nicht nur die rechte Stadion-Subkultur bebildert, sondern auch dem unterschwelligen Zusammenspiel mit der latenten Ausländerfeindlichkeit im Profi-Fußball nachspürt. Unter der Überschrift "Kabinengeflüster" sind die Entgleisungen hoch bezahlter Fußballstars, Trainer oder DFB-Oberen versammelt ("Husch, Husch, Neger in den Busch!"). Für die Vereine sind das geschäftsschädigende Vorkommnisse, die man am liebstenunter den Teppich kehrt. Auch der DFB reagiert auf die rechte Szene, die bei den Länderspielen aufmarschiert, mit hilflosen "Mein Freund ist Ausländer"-Kampagnen. "Imagepflege" lautet die Kritik der Ausstellungsmacher. Verbal betone der DFB den "völkerverbindenden Charakter des Fußballs", praktisch jedoch missachte man das Bedürfnis der Fans nach Geselligkeit. Stattdessen werden die Probleme "weggesteuert", indem die Fan-Gruppen gar nicht mehr miteinander in Berührung kommen.

Eine Scheinlösung: Egal wie multi-ethnisch Nationalteams tatsächlich sind, ihr Aufeinandertreffen wird als Kampf von Nationalcharakteren erlebt. Selbst der spitzfindige Fußballanalytiker David Winner erlag jüngst im Einstein-Forum dieser Versuchung und brachte die Geschichte der DFB-Elf auf den Nenner einer typisch deutschen, nämlich militaristischen Spielauffassung. Deutsche Boxheads gegen englische Coolness: Es sind solche vereinfachten, konfrontativen Wahrnehmungsmuster, die Fans in Blöcke separiert, ein Apartheitssystem ins Stadion-Rund hineinträgt und emotional auflädt. Ohne einen Austausch von Fans, Spielern und Vereinen werde sich diese Blockkonfrontation nicht auflösen, fürchtet BAFF. Tatsächlich muss man das Fußballspiel mehr lieben als den eigenen Verein, wenn man, wie Austellungsmacher Gerd Dembowski "trotz all der Jahre in Fanprojekten" noch immer nicht verstanden hat, "was die rechte Szene ausgerechnet zum Fußball zieht."

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