Kultur : Tatortimpressionen

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Auf den Bildern von Arnold Odermatt geht alles schief. Zwar sind fast ausschließlich Autos zu sehen, aber die Wagen erscheinen immer in einem mehr oder weniger lädierten Zustand: Sie sind von der Uferstraße ins Wasser gefallen, liegen auf der Seite, baumeln schon am Haken des Abschleppdienstes oder hängen in der Fahrbahnbegrenzung wie ein angeschlagener Boxer in den Seilen. Arnold Odermatts Welt, die der Polizist von Ende der vierziger bis Anfang der achtziger Jahre im schweizerischen Kanton Nidwalden fotografiert hat, besteht zwar nur aus Autos, die aber tragen durchaus menschliche Züge. Besonders die zerbeulten Physiognomien der VW-Käfer wirken hier als hätten sie sich schmollend verzogen, kleine und große Fahrzeuge liegen auf der Seite als würden sie sich zum Schlafe betten und diverse Karambolagen nehmen sich aus wie misslungene Annäherungsversuche, bei denen nur das eingefrorene Lächeln eines grimassierenden Kühlergrills zurückbleibt.

Dass diese manchmal schrecklichen Unfälle als Foto etwas durchaus Komisches haben, liegt an Odermatts Prinzip, keine Opfer abzubilden. Die Opfer sind für ihn die Autos selber. Ihre ungewöhnliche Lage, etwa in der grandiosen Kulisse eines schweizerischen Bergsees oder kopfüber in der Alpenwiese, und ihr ramponiertes Äußeres, alles in einer so übersichtlichen wie lakonischen Weise in Schwarzweiß fotografiert, suggerieren eine verkehrte Welt. Hier benehmen sich die herrenlosen Autos wie reale Lebewesen entweder auf überanstrengtem Schmusekurs die Frontpartien aneinandergeknautscht oder mit entnervter Selbstaufgabe alle vier Räder in die Luft gestreckt. Doch immer scheint das menschliche Streben der Automobile tragisch zum Scheitern verurteilt. Jede Schrottskulptur bietet das Zeugnis vergeblichen Strebens.

1993 brachte der Sohn von Arnold Odermatt, ein Theater- und Filmregisseur (unter anderem beim „Tatort“) diese aus Eigeninteresse entstandenen Bilder zusammen mit einigen Farbaufnahmen seines Polizistenalltags, Familien- und Urlaubsbildern unter dem Titel „Meine Welt“ im schweizerischen Benteli Verlag heraus. Es war der Beginn einer wunderbaren Karriere für den Vater, heute ein 77-jähriger Pensionär. Zur Buchmesse 1998 wurden Arnold Odermatts Aufnahmen im Frankfurter Polizeipräsidium ausgestellt. Dort fielen sie Harald Szeeman auf. Im letzten Jahr hielten Odermatts Fotografien dann Einzug in die Kunstwelt auf der von Szeemann kuratierten Biennale in Venedig. In diesem Jahr zeigt auch das Art Institut of Chicago seine Aufnahmen.

Odermatts surrealistischer Gehalt, die skulpturale Qualität der im Bild festgehaltenen Schrottautos, die menschlichen und zwischenmenschlichen Konstellationen, die sich in diesen Autounfällen und Karambolagen spiegeln, und nicht zuletzt die mit dem Können eines engagierten Liebhabers der Fotografie entstandenen Kompositionen ebneten Odermatt den Weg. Hier steht er nun glücklich und einigermaßen überrascht, avanciert zum Star des „ästhetischen Events direkter Dramatik“ (Szeemann).

Die 32 Aufnahmen bei Springer & Winckler (je 3000 Euro) sind die gleichen, die Szeemann auf der Biennale in Venedig Bildern der Katastrophe von Tschernobyl gegenüberstellte. In diesem Vergleich müssen Odermatts Fotos makaber gewirkt haben. Für sich genommen sind sie es nicht. Für ihn selbst waren die Fotos der Versuch, mit dem Schrecklichen fertig zu werden. Sie verwandeln den Alltag in eine Groteske und wahren damit Distanz. Vor allem aber vollbringen sie das Kunststück sowohl von „Auto Motor Sport“ wie von den Feuilletons besprochen zu werden. Ronald Berg

Galerie Springer & Winckler, Fasanenstraße 13, bis 3. August; Dienstag bis Freitag 10-13 Uhr und 14.30-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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