Kultur : Tattoo und Tabu (Glosse)

Jörg Königsdorf

Die Klassikplakate, die in Berliner U-Bahnhöfen so üppig hängen wie nirgendwo auf der Welt, kennen wir nur vom Wegsehen. Trist bedruckte Farbflächen sind das normalerweise, höchstens aufgelockert durch trübe Rüben alter Herren. Stumme Zeugen aus dem Steinzeitalter der Public relations, die Mozart und Strawinsky von vornherein zur Seniorenmusik deklarierten. Doch damit ist jetzt Schluss: Bluttriefende Lettern auf einem Badezimmerspiegel mahnen auf dem aktuellen Plakat der Komischen Oper den Besuch des nächsten Sinfoniekonzerts an. Als ob da ein armer Werbegrafiker mit der Rasierklinge hantiert und sich für seinen Job in den Finger geritzt hätte. Doch sagt uns das Plakat noch mehr: Kultur, deuten wir den Subtext, ist Herzblut einer Stadt, und gute Werbung hält diese Kultur am Leben. Das erste Plakat dieser neuen Reihe war zwar noch schmerzloser, aber nicht weniger ungewöhnlich ausgefallen: Mit Kugelschreiber war da das Konzertdatum in eine hohle Hand geritzt worden. Was wird denen von der Komischen Oper als nächstes einfallen? Ein Tattoo auf der Brust des Generalmusikdirektors, ein Haacke-Beet mit Blumenbotschaft im Sixties-Foyer des Opernhauses? Schon jetzt warten etliche Klassik-Interessenten auf die nächste Konzertankündigung neugieriger als auf das Konzert selbst. Fast wie bei Lucky Strikes. Nur da ist der Inhalt immer gleich. Und das wollen wir von den Konzerten der Komischen Oper wirklich nicht behaupten.

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