Kultur : Taubenbriefe

Zum Tod des Lyrikers Wolfgang Bächler

Katrin Hillgruber
Wolfgang Bächler wird 80
W. Bächlerdpa

„Viel von der Qual und Zerrüttung der Zeit scheint mir in diese Verse eingefangen, aber auch viel echte Lebensinbrunst“, urteilte Thomas Mann 1953 über die Gedichte Wolfgang Bächlers; auch Benn und Huchel schätzten den jungen Kollegen. Leider rückter der am 22. März 1925 in Augsburg geborene Dichter, jüngstes Gründungsmitglied der Gruppe 47 und bedeutender Zeitzeuge des literarischen Nachkriegsdeutschland, immer mehr an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit. Anfang der Achtziger erschien sein letzter Gedichtband „Nachtleben“, 1990 der absurde Roman „Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen“; ein Schriftsteller sucht einen Henker und trägt das erforderliche Beil im Rucksack mit sich.

Bächler, der im Krieg zweimal in Gefangenschaft geraten war, debütierte 1950 mit zwei Lyrikbänden sowie mit der romanhaften Ödipusvariante „Der nächtliche Gast“. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, lebte zeitweise in Frankreich und übernahm nach seiner Rückkehr nach München zur Blütezeit des Neuen Deutschen Films Rollen bei Schlöndorff und Fassbinder.

Am bekanntesten wurde sein Buch „Türklingel“ (1962), sein positivstes: „Manchmal werfen die Meere / uns Flaschenpost ans Land / und manchmal fällt ein Taubenbrief / aus den Sternen in unsere Hand.“ Auf ärztlichen Rat hin begann der unter Depressionen leidende Dichter, seine einzigartigen „Traumprotokolle. Ein Nachtbuch“ zu entwerfen. Heinrich Böll nannte Bächlers Œuvre stets persönlich, doch niemals privat. Auch das macht seinen Rang aus. Wie jeder wahre Künstler war er ein Nonkonformist: „Ich bin ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum… kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt.“ Am vergangenen Donnerstag ist Wolfgang Bächler mit 82 Jahren in München gestorben. Katrin Hillgruber

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