Kultur : Taubenträume

OLIVER SCHMOLKE

Der Erzähler flüstert.Seine Stimme ist hellauf begeistert, bricht ab, wird rauh vor Mißbilligung.Seine einladenden Gesten sind ausdruckssicher.Dieser Mensch weiß, wovon er spricht.Er hat es erlebt."Wissen Sie, ich werde Ihnen noch eine Geschichte erzählen", verspricht er im schrundigen Englisch des Levantiners.Sein Publikum spitzt die Ohren.Eine Geschichte! Es wird die fünfte an diesem Abend, und alle diese Geschichten sind das Leben von Eli Amir, das im Bagdad der dreißiger Jahre begann, als irakische Juden "Inschallah!" ausriefen, um sich göttlichen Beistands zu versichern.

Der israelische Autor, den das Literarische Colloquium Berlin zur Lesung eingeladen hatte, stellte am Montag seinen Roman "Der Taubenzüchter von Bagdad" vor, dessen deutsche Ausgabe im letzten Herbst mit einmütigem Applaus aufgenommen wurde.Höhepunkt des Abends aber war das anschließende Gespräch, moderiert von Tagesspiegel-Redakteur Malte Lehming.

Israels Generalkonsulin Miriam Shomrat, die den Flüchtling, Einwanderer, Offizier, Regierungsberater und Schriftsteller Eli Amir als menschliche "Quintessenz Israels" vorstellte, wurde von ihrem Helden mit dem subversiven Charme korrigiert, mit dem ein Erzähler sich erinnert, daß vieles so uneindeutig und vielfarbig war, wie man es heute kaum noch wahrhaben möchte.

"Ulai", heißt es leitmotivisch am Anfang des hebräischen Textes: vielleicht.Vielleicht soll man der zionistischen Bewegung in den neugegründeten Staat Israel folgen.Vielleicht muß man bleiben.Vielleicht stimmt es, daß nur in Israel ein Leben ohne Demütigung möglich ist.Vielleicht aber provoziert gerade dieser neue jüdische Staat all die muslimischen Ausschreitungen, von denen die Gemeinde heimgesucht wird.

Amir emigrierte 1950 mit seiner Familie nach Israel.Er schildert die hohe Erwartung, die mit der Passage ins verheißene Land einherging.Er erinnert eine Stelle der Bibel, in der die Rückkehr als ein Flug von Taubenpaaren geweissagt wird.Man kaufte festliche Kleidung, man sang im Flugzeug.Und man landete an einem staubigen Ort, dessen europäischstämmige Elite die Ankömmlinge insgeheim als minderwertig ansah.Die jüdischen Araber wurden in umzäunten Zeltlagern untergebracht.Sieben Jahre habe er in einem Zelt gelebt, protestiert Amir, dann in einem Slum am Rande Jerusalems.Doch bedeuteten jene 43 Quadratmeter für neun Personen die Freiheit.Besser Bürger zweiter Klasse sein, als ein gemordeter König in Bagdad.

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