Kultur : Tauchstation Volksseele

LUDMILA RAKUSAN

"Zwiespältig" nennt die tschechische Schriftstellerin Eva Kanturkova ihre Gefühle, wenn sie über den Krieg im Kosovo nachdenkt: Einerseits sei ihr klar, daß die Allianz wohl keine andere Wahl hatte, als gegen Milosevics grausame Vertreibungspolitik vorzugehen.Die Folgen der Luftangriffe aber versetzen die Bürgerrechtlerin, die einst wegen ihres Engagements in der Dissidentenbewegung "Charta 77" monatelang inhaftiert war, zunehmend in Schrecken: "Was bedeutet in den Kriegswirren die Wahrheit? Wird man denn hinterher sagen können, der Einsatz habe sich gelohnt? Trotz allen Nebenwirkungen, die doch nichts anders sind als zerstörte Menschenleben?" Quälende Fragen lassen die sonst um ein klares Wort zum Zeitgeschehen nie verlegene Schriftstellerin verstummen.

Ähnlich geht es den meisten ihrer Kollegen im tschechischen PEN-Club.Denn zu einer gemeinsamen Stellungnahme zum Balkan-Krieg haben sie sich, trotz eines Vorstoßes während ihrer letzten Ausschußsitzung, nicht durchringen können.Mittlerweile wurde die Unentschlossenheit zur Absicht erklärt: "Wir sind keine politische Organisation, daher soll jeder seinem eigenen Verständnis der Lage folgen und für sich selbst sprechen", erläuterte Tschechiens PEN-Präsident Jiri Stransky.Er selbst tat es in zwei Zeitungsartikeln - mit dem Fazit, daß ihm die beschwerliche Wahrheitssuche von den einheimischen Extremisten abgenommen wurde: Wenn Republikaner und Kommunisten für Milosevic und gegen die NATO Stimmung machen, hätten demokratische Kräfte keine andere Wahl, als sich auf die Seite der Allianz zu schlagen.

Dagegen verzichtet der Schriftsteller Ludvik Vaculik, einst mutiger Verbreiter der im Untergrund publizierten Literatur, auf eine fraktionelle Polarisierung und begibt sich statt dessen in die Urgründe der eigenen Volksseele: In seiner Reaktion auf den signalisierten Unwillen der tschechischen Regierung, im Bedarfsfall auch Bodentruppen nach Kosovo zu entsenden, erzürnte er sich über den geschichtlich bedingten "Ring der Feigheit", den die Tschechen endlich durchbrechen müßten.Damit liegt Vaculik im Trend, denn viele tschechische Intellektuelle weichen derzeit durch geschichtliche Exkurse in die Tiefen des vermeintlichen Volkscharakters der Auseinandersetzung mit der Gegenwart aus.Sind die Tschechen denn Friedenstauben oder Feiglinge, Schwejksche Schlauköpfe oder doch eher Waschlappen? Mit viel Emotionen werden Fragen dieser Art in der tschechischen Presse durchleuchtet.Ein PEN-Mitglied tanzt dennoch aus der Reihe: Als Präsident des Landes mahnt Vaclav Havel seit dem Beginn des Kosovo-Konfliktes eindringlich, sich der Solidarität im westlichen Verteidigungsbündnis bewußt zu werden und die von dem neuen NATO-Land Tschechien erwartete Loyalität mit klaren Inhalten zu füllen.Sonst könne Prag kaum erwarten, daß dessen Stimme samt der kritischen Töne in Brüssel ernstgenommen werde.Havels Mahnung, auf der Tschechischen Republik laste eine besondere Verantwortung, da sich die NATO eine weitere Allianz-Erweiterung sonst wohl zweimal überlegen könnte , stieß allerdings weder zu Hause, noch in der Slowakei, bei den einstigen föderalen Partnern und seit dem Washingtoner NATO-Gipfel offiziellen Anwärtern auf die Mitgliedschaft im Bündnis, auf besonderen Widerhall.Die slowakischen Intellektuellen halten sich ohnehin zurück und überlassen die Diskussion des Krieges weitgehend den Politikern.Laut Meinungsumfragen sind freilich 65 Prozent der Slowaken gegen die NATO-Luftangriffe.In der Tschechischen Republik sank der Anteil der Befürworter der NATO-Strategie gegen Jugoslawien neuerdings auf 32 Prozent.Die intellektuelle Elite beider Länder empfindet die Ereignisse im Kosovo mitunter als eine Art "Naturkatastrophe".Auf dieser Basis fand die tschechische Schriftstellergemeinde bereits zu Beginn des Krieges eine gemeinsame Sprache: Man rief die Öffentlichkeit zu Spenden für die Kosovo-Flüchtlinge auf und ging mit großzügigem Beispiel voran.Um, wie es in einer Erklärung hieß, die Folgen einer "weiteren brutalen Absurdität dieses Jahrhunderts" zu lindern.

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