TAUSCH handel (5) : Win? Win!

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Zwischen den Jahren wird umgetauscht. Geschenke werden zurückgegeben, Gewohnheiten weichen Vorsätzen, und das alte Jahr wird gegen ein neues eingewechselt. Heute endet unsere kleine Tausch-Serie.

Evolutionstheoretiker gehen in diesen Tagen bei der GUNF vorbei und besorgen sich Akteneinsicht. GUNF? Klar doch, die Großer-Urknall- nebst-Folgen-Behörde. Wer eher religiös veranlagt ist, macht einen Extratermin mit Gott. Und wer rein gar nichts mit Deszendenz oder Transzendenz am Hut hat, zieht sich eine Nummer bei der AZV. Richtig, die Allgemeine Zeitverwaltung, die ist im Zweifel für jeden da.

Grund für die große Wartezimmersause ist der saisonale Zwangsumtausch. Nicht Euro in Teuro oder Alu oder gar zurück in Mark. Sondern: altes Jahr gegen neues. Trotz Böllerfiebers bibbert mancher eher dem Augenblick am Schalter entgegen, wo es für den alten Zeitpacken einen neuen Packen Zeit gibt. Was man wegtauscht, hat Beulen, aber man kennt es, hat es vielleicht sogar liebgewonnen. Vom neuen dagegen weiß man nichts. Ob es den Crashtest übersteht?

Bei derlei Sorgen kann ein Blick in die Grundlagen der Tauschtheorie nicht schaden. Der Mensch tauscht nur, was von vergleichbarem Wert ist. Zwei, die tauschen, geben Gutes weg, um – zumindest subjektiv – Besseres dafür zu ergattern. Die klassische Win-win-Situation. Tauscht man aber ein erlebtes Jahr gegen ein unerlebtes, verliert man ja nicht wirklich, was man gibt. Win-win 2.0 sozusagen. Nur: Wie lässt sich dieses Unvergleichbare überhaupt vergleichen? Das zerfledderte, mit Fettecken und Eselsohren verzierte 2011er-Tagebuch mit einem flotten, kindle-kleinen Oktavheft, dessen Erfahrungsspeicher bestimmt einer mittleren Bildungsbürgerbibliothek Platz bietet?

Total vertrackt, dieser Jahrestauschhandel. Hier die verbürgte Erfahrung, dort das Unabsehbare. Andererseits: hier das Abgegessene, dort das Abenteuer. Oder: Hier das noch letztes Jahr heiß Erwartete, dort das ganz neu Ersehnte. Andererseits: Hier das Vergangene, dort das in einem Jahr auch schon wieder Vergangene. Ja, wenn sich an der Jahresdatumsgrenze alles so erbarmungslos auspendelt, könnte man sich den Gang zur GUNF, zur AZV oder zu jenem höheren Wesen, das wir verehren, eigentlich sparen.

Eigentlich. Wenn der Mensch nicht so furchtbar gern tauschen würde, vor allem alt gegen neu. In der Silvesternacht aber, beim globalen Jahrestauschrauschflauschmob unter Dach und Fach oder unterm freien Himmelskrach, tauscht er vor allem eins: Das eine gegen das eine. Sich selbst gegen sich selber. Auch nicht übel.

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