Kultur : Tausche Böll gegen Bohlen

Hurra, wir brennen unsere Bücher selbst: Das illegale Kopieren von Literatur wird immer leichter – ein Scanner genügt

Thomas Wollermann

Vor einigen Jahren wollten die deutschen Verlage die Leserschaft flächendeckend mit elektronischen Lesegeräten beglücken: Statt auf papierenen Seiten sollte der Text aus Dateien zum Leben erweckt werden. Um das eBook-Experiment ist es stiller geworden. Doch seitdem in der Raubkopierer-Szene zu Hause hergestellte Scans flottieren, ist das Lesen am Bildschirm doch noch zu ungeahnter Blüte gekommen.

Treffpunkt der deutschen Buchpiraten ist das Board von „Doc Gonzo“. Unter Decknamen wie „waldschrat“ oder „buchstabenverdreher“ kommt man hier zusammen, um frisch eingescannte Bücher zu tauschen. In den FAQ, der Liste mit den frequently asked questions, wird erklärt, wie man sich zu diesem Zweck einen anonymen x-mail-Account zulegt und Up- und Downloadmöglichkeiten nutzt, die sich nicht zurückverfolgen lassen. Neulinge werden auch in die Techniken des Scannens eingeführt.

Dabei geht man effektiv und arbeitsteilig vor. In der Rubrik „Scans in Arbeit“ kündigt jemand an, er habe gerade „Der Spiegel im Spiegel“ von Michael Ende und die „Armageddon“-Trilogie von Robert Rankin neben dem Scanner liegen. Ob sich das noch lohne? Rankin sei gerade beim Korrekturleser, mit Ende könne er aber loslegen, erfährt er umgehend. Einige Tage später heißt es, das Buch von Michael Ende liege nun vor, gesucht sei noch ein Korrektor zur Beseitigung der letzten Fehler. Alsbald steht der Titel für die Lese-Gemeinde zum kostenlosen Download bereit.

Besonders aktiven Mitgliedern gelingt es, innerhalb einer Woche ein Dutzend Bücher in Umlauf zu bringen. Darauf ist man in der Szene stolz: „Wer noch kein Buch gescannt, gelayoutet, K-gelesen und geupped hat, weiß nicht welche Arbeit, Mühe und Aufopferung dahinter steckt“, heißt es. Insgesamt herrscht ein freundlicher Umgangston. Nur wenn jemand ohne eigene Gegenleistung allzu viele Bücher herunterlädt, kommt es zu Empörung. Tauschbörsen haben Konjunktur in Krisenzeiten des Kapitalismus: Viel hält man sich darauf zugute, dass keine Gewinnabsichten verfolgt werden. Der Reiz für die Mitglieder liegt in einem geradezu archaischen Tausch- und Schenkbedürfnis. Wer ein gedrucktes Werk als eBook aufbereitet und sich dafür Dutzende andere herunterladen kann, verschafft sich gleichwohl einen geldwerten Vorteil, selbst wenn er die Dateien nur als ungelesenen Schatz hütet.

Von Schund bis Nobelpreis, von Böll bis Bohlen kann man sich mittlerweile alles kostenlos aus dem Netz besorgen. Insbesondere Bestseller stehen in kürzester Zeit als eBook zur Verfügung. Beliebt ist auch das Einscannen ganzer Reihen; so wird derzeit der von Marcel Reich-Ranicki aufgestellte Kanon lesenswerter Bücher von den Scannern komplettiert. Und wer „Perry Rhodan“ bevorzugt, hat die Wahl zwischen weit mehr als 1000 eingescannten Heften.

Zwar gab es schon früher Raubdrucke, die oft per Handverkauf in Kneipen vertrieben wurden. Der Schaden blieb begrenzt, denn das Raubdrucken lohnte sich nur bei Bestsellern. Dabei gingen die Kopierer sogar ein wirtschaftliches Risiko ein, mussten sie die Bücher doch tatsächlich herstellen. Die waren zudem von meist minderer Qualität, sind längst zerfleddert und vergessen.

Mit der elektronischen Raubkopie von Literatur ist nun eine neue Dimension erreicht. Denn Dateien sind prinzipiell unvergänglich. Da Lesegeräte und Bildschirme immer besser werden, wird diese Form des Lesens sogar noch attraktiver. Nur anfangs bleiben die eingescannten Werke im Tauschzirkel der Raubscanner. Nach und nach werden sie durch Weitergabe an Freunde und Bekannte Allgemeingut. „Der Name der Rose“ steht inzwischen ungeschützt im Netz. Der Eco-Scan ist nahezu perfekt, man hat sogar die Mühe nicht gescheut, im Anhang die Seitenzahlen der lateinischen Zitate dem neuen Layout anzupassen.

Neben Belletristik sind auch Comics stark betroffen. „Asterix der Gallier“ wurde, wie ein Zähler verrät, bislang 5448 mal gesaugt – wie oft er dann weitergeleitet wurde, weiß niemand. Und auf die Kopie und Weitergabe von Hörbüchern und Hörspielen haben sich eigene Boards spezialisiert.

Auch wissenschaftliche Publikationen bleiben nicht verschont. Auf dem Board von Doc Gonzo kündigte kürzlich jemand an, ein Standardlehrwerk der Architektur einzuscannen. Dabei handelt es sich um ein Buch, das der Verlag in über dreißig Auflagen stets auf dem aktuellen Stand hielt. Diese Investition könnte bald vernichtet sein. Gerade haben die Verlage eine Neufassung einiger Urheberrechts-Paragraphen entschärfen können, die Schulen und Universitäten zu Forschungs- und Lehrzwecken eine Selbstbedienung aus geschütztem Material erlaubt hätte. Sollte sich nun auch im wissenschaftlichen Bereich eine Raubscanner-Szene entwickeln, könnte das bald alle Befürchtungen in den Schatten stellen, die sich für die Verlage mit der neuen Bestimmung verknüpft hatten.

Bislang wurde das Phänomen der so genannten P2P-Tauschbörsen hauptsächlich mit Musik-Piraten in Verbindung gebracht. Die Musikindustrie ist allerdings aktiv geworden und führt einen erbitterten juristischen Kampf. Napster, die Mutter aller Musiktauschbörsen, ist dem längst erlegen. Doch den Tausch von Musikfiles hat das nicht unterbinden können. Andere wie Gnutella, die mit neuer dezentraler Organisation schwer zu greifen sind, haben das Erbe Napsters angetreten, auch wenn nicht selten gegen die Download-Pools prozessiert wird. So sieht sich Bertelsmann neuerdings in den USA mit einer Milliardenklage wegen seiner einstigen finanziellen Unterstützung von Napster konfrontiert. Und erst kürzlich nahmen vier amerikanische Studenten, die von Plattenlabels wegen ihrer Tauschseiten verklagt worden waren, einen Vergleich an und zahlten zwischen 12500 und 17000 Dollar. Dagegen hat ein amerikanischer Bundesrichter eine Klage des US-Plattenverbandes RIAA gegen die P2P-Tauschsoftware Grokster und Morpheus vorerst zurückgewiesen: Zwar sei das Tun einzelner Nutzer illegal, darauf hätten aber die Vertreiber der Programme keinen Einfluss. Auch in Deutschland ist es jetzt zu einem ersten Schlag gegen eine Musiktauschbörse gekommen. Sie wurde von einem Informatikstudenten aus der Gegend um Fürth betrieben, der vor einigen Tagen Besuch von der Polizei bekam. Die IFPI (International Federation of the Phonographic Industry), deren deutsche Landesgruppe mittlerweile eine Ermittlungsabteilung unterhält, hatte Strafanzeige erstattet.

Dabei sehen sich die Nutzer von Tauschbörsen oft als Vorkämpfer einer neuen Form von Freiheit. Ein prominenter deutscher Vertreter dieser Denkrichtung ist Andy Müller-Maguhn, der sich mit dem Label des Chaos Computer Clubs schmückt und mittlerweile durch seinen Aufstieg ins Direktorium der ICANN geadelt ist, jener Institution, der die Verwaltung des Adressraums im Internet obliegt. Wiederholt hat er sich in die Pose eines Robin Hood des Internetzeitalters geworfen und verkündet: „Geistiges Eigentum ist Diebstahl am öffentlichen Raum.“ Doch sieht man auch in diesen Kreisen ein, dass die Urheber nicht leer ausgehen können. Es kursieren Honorierungsmodelle, die auf Freiwilligkeit bauen und darauf hinauslaufen, Künstler in den Status von Straßenmusikanten zu versetzen: Wer von etwas begeistert ist, wirft ein paar Groschen in den Hut.

Die Diskussion hat mittlerweile auch die akademischen Kreise erreicht. Joost Smiers von der Kunsthochschule Utrecht beispielsweise ist der Meinung, das Urheberrecht käme nicht mehr den Künstlern, sondern nur noch den Konzernen zugute. Doch wieso sollen ausgerechnet die Künstler auf die selbstbestimmte Vermarktung ihrer Schöpfungen verzichten? Sollte dann nicht auch jeder, der braune Brause herstellt, diese mit dem Coca-Cola-Label versehen dürfe? Und wie steht es mit Patenten? Behindern sie nicht mehr als der Schutz von Popsongs die weitere Entwicklung der Gesellschaft?

Es könnte sein, dass die deutschen Verlage bald hellhörig werden. Dann werden „waldschrat“ und „buchstabenverdreher“ über neue Tricks nachdenken müssen, wollen sie nicht wie jener fränkische Informatiker unerwünschten Besuch erhalten.

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