Kultur : Tausend Blumen

Die Londoner Auktionswoche bricht Rekorde

Matthias Thibaut

Es kam, wie es Sotheby’s Contemporary- Chefin Cheyenne Westphal in der Nacht vor der Auktion träumte: Die Nummer 7 im Katalog, Peter Doigs „White Canoe“, kletterte im Preis unaufhaltsam nach oben. „Dies ist das beste Bild eines Künstlers, der nur sieben, acht Bilder im Jahr malt“, erklärte Auktionator Tobias Meyer. Und so fuchtelten im voll besetzten Saal von Sotheby’s London ein Dutzend Kunstfreunde mit den Händen oder gaben ihre Gebote durchs Telefon. Alle wollten diese Arbeit des Starmalers der Dekade besitzen.

Das Nachtbild mit dem monderleuchteten Kanu, das sich in einem Waldteich spiegelt, legt Figuratives und Abstraktes übereinander, als gelte es, eine Synthese aller Malerei zu finden. Ein kleines Dreieck im Katalog zeigte an, dass das Bild im Besitz von Sotheby’s war: In einer geschickten Transaktion soll das Auktionshaus alle Doigs von Supersammler Charles Saatchi gekauft haben. Man konnte das Kanu am Donnerstag sogar noch auf der Internetseite des Sammlers sehen. Dann erklärte Meyer denen, die es immer noch nicht verstanden haben, noch einmal geduldig, warum Kunst heute so viel teuerer ist als zu Zeiten, in denen es nur in den USA und Europa Superreiche gab und man schon mit ein paar hundert Millionen Dollar zum Club gehörte: „Wer gerade eine Firma für 500 Millionen verkauft hat, dem macht es nichts aus, wenn ein Peter Doig drei oder fünf Millionen kostet.“

Ob der junge Mann im Buchhalter-Anzug in der fünften Reihe gerade ein so teueres Unternehmen verkauft hat, mag bezweifelt werden. Eher war er der Abgesandte eines „europäischen Sammlers“, der sich diese Woche von Kandinsky bis Kiefer mit Kunst eindeckte. Der Doig war seine schönste Trophäe: Geschätzt auf 800 000 bis 1,2 Millionen Pfund, kostete er schließlich 5,7 Millionen Pfund, also 8,1 Millionen Euro oder 11,3 Millionen Dollar. Der 1959 geborene Maler ist nun fast der teuerste lebende Maler: Teuerer als Lucian Freud oder die Rekordbilder von Gerhard Richter. Nur Jasper Johns kostet noch mehr.

Am nächsten Tag bei Christie’s drehte sich alles um Francis Bacons’ Papstbild „Study for Portrait II“ von 1956. Es war, als Zeichen seiner Bedeutung, auf zwölf Millionen Pfund geschätzt, fast das Doppelte des bisherigen Höchstpreises. Ein paar Bietschritte, und die New Yorker Richard Gray Gallery hatte das Bild übernommen. Der Preis: 14 Millionen Pfund oder 21 Millionen Euro. Es liegt nun gleichauf mit Willem de Koonings „Untitled XXV“, dem höchsten Auktionspreis für einen Nachkriegskünstler. „Wir haben Meisterwerke angeboten, und der Markt ist der Herausforderung gerecht geworden“, erklärte frohgemut Spezialistin Pilar Ordovás.

Es war eben wieder eine außerordentliche Auktionswoche. Nie waren so viele nach London gekommen. Nie wurde so beherzt geboten. Bei Christie’s acht Millionen Euro für Warhols Porträt von Brigitte Bardot; über vier Millionen Euro für ein frühes Rasterbild von Sigmar Polke und 2,7 Millionen Euro für Anselm Kiefers Großformat „Laßt tausend Blumen blühen“. Bei Sotheby’s wurden über vier Millionen Euro für ein abstraktes Gemälde von Gerhard Richter bezahlt; 2,86 Millionen Euro für ein Bild des Briten Frank Auerbach, dessen Höchstpreis zuvor bei knapp einer Million lag. Alles Rekorde. Andreas Gurskys Foto-Diptychon „99 Cent II“ steigt jedes Mal um ein paar Hunderttausend, wenn ein Exemplar der Auflage in einer Auktion erscheint. Mit 2,3 Millionen Euro ist es derzeit die teuerste Fotografie der Welt.

Für den erlauchten Kreis der internationalen Spitzenkünstler sind nach oben zurzeit keine Grenzen gesetzt. Nach fulminanten Impressionisten-Auktionen, die Anfang der Woche europäische Rekorde brachen, nahm Christie’s am Donnerstagabend über 70 Millionen Pfund ein. „Zum ersten Mal hat eine Londoner Contemporary Auktion New York geschlagen“, schmunzelte man bei Christie’s – der Umsatz lag höher als bei Sotheby’s New Yorker November-Auktion.

London ist nun das Zentrum der globalen Finanzwelt, hier kaufen Russen und Asiaten. Londons Broker und Banker haben im Dezember 8,5 Milliarden Pfund Weihnachtsgratifikation bekommen und jeder zehnte, so das Ergebnis einer Analyse, legt Geld in Kunst an. Gut, dass man Kunst nicht besitzen muss, um Freude an ihr zu haben

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