Kultur : Tausend Gesichter einer Stadt

Geduld und Leidenschaft: Die zweibändige Prachtedition „Berlin in der Druckgrafik 1570 – 1870“

Bernhard Schulz

Über Berlins Vergangenheit wird heftig diskutiert, wenn auch nicht immer kenntnisreich. Wo die ursprüngliche Mitte der Stadt lag, ist auf dem Stadtplan seit Jahrzehnten nicht mehr aufzufinden. Aber auch diejenigen, die sich die Rückkehr zur Geschichte auf die Fahnen geschrieben haben, tappen oft im Dunkeln. Bemühungen, den alten Stadtgrundriss sichtbar zu machen, stoßen auf Unverständnis. Außer dem Hohenzollernschloss scheint es nichts Berlinisches mehr zu geben, das aus versunkenen Zeiten zumindest als Bild zu uns herüberreicht.

In dieser Situation einer eher diffusen Geschichtserinnerung kommt das gewichtige Werk wie gerufen: „Die Stadt Berlin in der Druckgrafik 1570 – 1870“ sind die beiden Bände überschrieben, die nicht weniger als 4200 Beispiele berolinischer Grafik enthalten. Gernot Ernst, ein Amateur im besten Sinne des Wortes, ein Liebhaber der grafischen Künste neben seinem Hauptberuf als Unternehmer, trug sich seit Jahrzehnten mit dem Gedanken, die bis dahin einzige Übersicht über Berliner Grafik aus dem Jahr 1937 endlich auf zeitgemäßen Stand zu bringen.

Mit Unterstützung modernster Datenbanken und hilfreicher Geister in allen wichtigen Archiven und Museen konnte Ernst endlich sein großes Vorhaben realisieren. Über die Kosten eines solchen im Grunde unbezahlbaren Unternehmens schweigt er sich hörbar aus: „Ohne eigenes finanzielles Engagement und hohe persönliche Motivation lässt es sich nicht realisieren.“ Es bleibt die Frage, warum in siebzig Jahren keine öffentliche Einrichtung sich zu diesem Projekt eines ideellen Gesamtkatalogs hat durchringen können.

Nun sind die 4200 Grafiken durchaus nicht fokussiert auf die Ansicht der Stadt. Sie bilden kein Panorama Berlins durch drei Jahrhunderte hindurch; überhaupt rangiert der Anteil von Stadtansichten erst nach denjenigen der Porträts und der Ereignisdarstellungen. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der letzten Blütezeit der Grafik vor der Erfindung der Fotografie, nehmen die Stadtveduten wirklich breiten Raum ein, ohne jedoch den Anteil der damals hochbeliebten Stichreproduktionen berühmter Gemälde quantitativ zu verdrängen.

In älteren Zeiten dominieren prachtvolle Gesamtansichten, die die Herrlichkeit der brandenburgisch-preußischen Hauptstadt demonstrieren sollten, zumal nach der Erhebung Preußens zum Königreich im Jahr 1701, mit der der überaus anspruchsvolle Bau des Schlüter’schen Schlosses korrespondiert. So gibt Jean-Baptiste Broebes, Professor für Architektur an der Akademie, 1733 eine Ansicht des „Königlichen Platzes“. Wäre darauf nicht das Zeughaus zu entziffern, man wüsste nicht, welches Architekturcapriccio man vor sich hätte, stimmt doch nahezu nichts mit dem realen Schloss damaliger oder späterer Tage überein.

Der Betrachter sei also gewarnt, die Blätter zum Nennwert zu nehmen. Erst im 19. Jahrhundert zählt topografische Genauigkeit zu den Tugenden. Vielfach lässt sich verfolgen, wie grandios das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke gewirkt haben muss, vor der Folie des Stadtschlosses, das seit 1845 von Stülers Kuppel bekrönt wurde. Diese Perspektive spielt im gegenwärtigen Streit ums Schloss keine Rolle; und auch ein solcher Perspektivwechsel ist von Interesse, zeigt er doch die sich wandelnde Bedeutung einzelner Stadträume. Die Lange Brücke ist seit der Verlängerung der Linden-Achse über die Spree hinweg, der heutigen Karl-Liebknecht- Straße, ihrer einstigen Rolle als wichtigster Flussübergang beraubt.

Der zweite Band, bearbeitet von Ute Laur-Ernst, ist dann die wahre Fundgrube für den Berlinbegeisterten. 550 topografische Stichworte sind zu Themen gebündelt, wie „Banken, Börse, Münze“ oder „Stadttore, Stadtmauer“. Hier wird das Übergewicht des 19. Jahrhunderts evident – eine Epoche, in der das Bewusstsein der Geschichtlichkeit alles überwog. Auch das Neue wirkt auf diesen Veduten bereits wie längst Vergangenes. Wilhelm Loeillot beispielsweise, von dem allein 105 Grafiken verzeichnet werden, zeigt das nagelneue Neue Museum von der Burgstraße mit Blick über die Friedrichsbrücke hinweg – und dem aufschlussreichen Detail eines rauchenden Schornsteins am Ufer der Museumsinsel. Kultur und Manufakturwesen koexistierten einige Jahrzehnte, ehe im 20. Jahrhundert auch die letzten Spuren – Schinkels Salzamt auf der Kupfergrabenseite – beseitigt wurden.

Ist der erste Band den Grafikern in chronologischer Ordnung gewidmet, so steckt der zweite voll unausschöpflicher Detailinformationen zu jedem Bauwerk, zu jeder Ecke der Stadt, so sie denn jemals zu bildlicher Darstellung gelangten. Übrigens ist bei vielen Blättern als „Standort“, sprich Eigentumsangabe, vermerkt: „Berlin-Sammler“. Nach der Lektüre dieses Werks kann man die die Leidenschaft der Anonymi nur allzu gut verstehen.

Gernot Ernst / Ute Laur-Ernst:  Die Stadt Berlin in der Druckgrafik 1570 – 1870, Lukas-Verlag, 2 Bde., 863/676 S., zus. 198 €. Buchvorstellung 23. November, in der Bauakademie am Schinkelplatz, 19 Uhr.

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