Kultur : Tausend Herzen tanzen in der Reihe

Heimspiel: Mia in der Max-Schmeling-Halle.

Michaela Grimm
Breite deine Flügel aus. Mieze in der Max- Schmeling-Halle. Foto: DAVIDS/Dominique Ecken
Breite deine Flügel aus. Mieze in der Max- Schmeling-Halle. Foto: DAVIDS/Dominique EckenFoto: DAVIDS/Dominique Ecken

Vor 15 Jahren starteten sie in Berlin als Schülerband. Nun treten sie in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle auf und begrüßen ihr Publikum: „Hallo ihr Lieben. Wir sind Mia.“ Für alle, die das Rotzige, Kratzige, Schrammlige vermissen könnten, wegen dem sich Mias Musik früher Elektropunk nannte. Die Tracks des fünften Studioalbums „Tacheles“ (nach dem Abschied von Gitarrist Ingo Puls) sind sehr poppig und fast alle tanzbar: mit ploppigem Xylophon, Synthiebeats, viel Klatsch-Klatsch und einer hellen Frauenstimme, die so wunderbar klar ist wie die eigenen deutschen Texte.

Mia spielen zwei schöne Stunden lang alles, was neu ist, und alle alten Hits. Sie machen das wirklich gut, weniger elektronisch, aber gitarrenlastiger als auf Platte – so professionell, dass man sich wünscht, Sängerin Mieze Katz würde einfach mal drauflosfauchen.

Wer seine Augen schließt beim Eröffnungssong des Albums und der „Tacheles“-Tour, meint manchmal Anna von Rosenstolz zu hören. Wer sie öffnet, sieht zwischen den drei Mia-Männern in blauen Hemden die blau-weiße Mieze als Galionsfigur, ein Knie im Ausfallschritt leicht angehoben, mit einem weiß glitzernden Federbody und einer blauen Plüschstola um die starken Oberarme, während lange, dunkelfarbene Tücher wie Flügel flattern vor der Windmaschine. Dann wird Mieze beim Lied „Kapitän“ mit entsprechender Mütze und Blazer zu selbigem, aus dem Boden fährt ein blinkendes Steuerrad, das Mieze zum Sound dreht. So durchchoreografiert agiert auch die Band. Alle Bewegungen sind taktgenau eingeübt, jedes Stampfen, Trampeln, jeder Faustschlag in die Luft bis hin zur Akrobatikeinlage im Turnreifen, die die Berlinerin seit dem „Zirkus“-Album 2006 draufhat. Miezes Hände und Füße sind grazile Tanzwerkzeuge, und sie schwebt als Ballerina im schwarzen oder weißen Turnanzug über die Bühne.

Tanzende Herzen im Flackerlicht, mit ausgestreckten Armen, auf den Rängen und Fluren der Max-Schmeling-Halle. Die Zeilen „Komm, mach einen Schritt aus deinem Tagtraum und geh mit mir in meine Nacht“ trägt Mieze in hellen Farben bis zum hintersten Stehplatz. Dann sitzt sie am weißen Piano, singt ruhig klar „Hast du mich liiieb?“, und von der Reling in Block W schreit ihr laut und herzlich ein junges Mädchen „Jaaaaa“ entgegen, während sich das Pärchen daneben ganz dolle drückt.

Noch rockballadiger ist „Brüchiges Eis“, mit obligatorischem Gitarrensolo, während dem Mieze lange auf dem Boden kniet. Wenn es hier ein Motto gibt, dann ist es herzförmig, wie das pochende, rosa funkelnde Kostüm, in dem Mieze „Mein Herz tanzt“ trällert.

Der Herzlichkeit aber hätte es gern mehr sein dürfen, Miezes karge Ansprachen haben Teleprompterqualität. „Yeah, Freiraum!“, schreit sie zum Schluss hinaus, nach Berlin, in die Welt, und singt: „Ich bin die Katze, die Hunde jagt, das Angebot, mich zu zähmen, schlage ich aus.“ Michaela Grimm

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