Kultur : Tausend Mann an Bord

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Wenn ich in einem Realfilm 10 000 Soldaten einen Hügel erklimmen lasse, überlege ich stets, dass diese 10 000 erst einmal gecastet, in Kostüme gesteckt und auch noch erschossen werden müssen“, sagt John Logan, Oscargekrönter Autor des Drehbuchs von „Gladiator“. Im Animationsfilm hat er solche Beschränkungen nicht, da kann er Action ausbrechen lassen, dass es nur so kracht. In den spektakulärsten Szenen des neuen Disney-Zeichentrickfilms „Sinbad – Herr der sieben Meere“ bekämpfen die Helden ein vielarmiges Seeungeheuer und einen gigantischen Eisvogel. Wer Action im Tempo von Computerspielen mag, dürfte daran seinen Spaß haben. Es gibt sogar zwei Momente, die auch Langsameren gefallen könnten: das Manöver durch die Felsen, zwischen denen Sirenen schon viele Seefahrer um den Verstand gesungen haben, und die Fahrt über die Klippe am Ende der Welt, wo das Schiff mit zum Zerreißen gespannten Segeln zur Flugmaschine wird.

Es ist allerdings schwierig, noch wirklich überrascht zu werden von Animationsfilmen, zumal wenn sie im sattsam bekannten Einheitslook der Disneyfilme daherkommen. Wo alles möglich ist, stumpft die Begeisterung zwangsläufig ab. Dazu trägt auch die Erzählweise bei, in der sich Figuren, die sich wie Amerikaner verhalten, durch eine wilde Mischung aus griechischer Sage und 1001 Nacht bewegen. „Wir haben die verschiedensten Geschichten aus der Mythologie herangezogen und daraus die besten Abenteuer und die tollsten Monster für unseren Helden ausgesucht“, erklärt Regisseur Patrick Gilmore. Aus dieser Mixtur aus dem Besten von überallher und amerikanisch glatter Ästhetik ist ein tadellos globalisierter Synthetikmythos geworden.

Sinbad (wo ist eigentlich das d aus dem geheimnisvollen, zauberhaften Märchen „Sindbad, der Seefahrer“ geblieben?), im Original gesprochen von Brad Pitt, synchronisiert von Benno Führmann, ist ein Schlitzohr (unser Bild, © Dreamworks) und schnoddrig wie ein Highschool Kid, sein bester Freund Proteus dagegen der aufrechte Thronfolger von Syracus. Ein Streit um das Buch des Friedens, „einen der größten Schätze der Menschheit“, endet damit, dass der noble Proteus als Bürge die Todesstrafe riskiert, während Sinbad das Buch aus den Fängen von Eris, Göttin der Zwietracht, zurückholen soll. Unbemerkt schleicht sich auch Proteus’ Verlobte Marina (Catherine Zeta-Jones beziehungsweise Jasmin Tabatabai) aufs Schiff. Sie und Sinbad zanken sich nach allen Regeln amerikanischer Lebenshilfeliteratur, bis sie sich nach etlichen Abenteuern und Mutproben in die Arme sinken würden, wenn Marina nicht Proteus versprochen wäre. Dieser Film wäre kein amerikanischer, wenn Sinbad sich dabei nicht in einen Ehrenmann verwandeln würde, zu dem eine Frau aufblicken kann. Am Ende sind alle Mann geläutert, und alles wird gut. Als nächstes Globalisierungsabenteuer kündigt Disney übrigens „Till Eulenspiegel“ an. S.N.

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