Kultur : Tausend Sonnen

Berliner Philharmonie: Thielemann dirigiert Strauss

Christiane Peitz

Die hochgebockte Motorik. Der rasende Stillstand auf den Himmelstonleitern. Hurtig hinauf, hastig hinunter, keine Atempause, bloß weiter, bloß weg. Dick verknotetes Wurzelwerk der Dissonanzen, gleißende Gipfelvision: Richard Strauss’ Alpensinfonie, dieses Monstrum von Orchesterwerk, heiß geliebt und heftig gehasst, ist immer wieder schwer zu ertragen. Weil die Musik aus allen Poren schwitzt, sich mit jedem Akzent, jedem Schlagwerkeinsatz, jedem Blechbläser- Fortissimo unbedingt immer noch steigern möchte, sich in permanente Erregung hineinhalluziniert und sich dabei doch nie genügt.

Mit den Wiener Philharmonikern hat Christian Thielemann diese Endzeitmusik, den Triumph im Angesicht des Untergangs, bereits auf CD eingespielt. Nun wuchtet er sie mit den Berliner Philharmonikern von Österreich ins Flachland des 21. Jahrhundert. Und doch interessiert ihn vor allem: die majestätische Pracht des umstrittenen Werks. Ein funkensprühender, gewaltiger, mitunter unangenehm martialischer Abend in der Philharmonie: nichts von der „gespenstischen Emphase im Namen eines abgedankten Weltbilds“, wie der Komponist Helmut Lachenmann kürzlich die Alpensinfonie beschrieb. Stattdessen: eine Morgenröte mit tausend Sonnen, butterblumenfette Almwiesen, und der Regenbogen am Wasserfall strahlt in grellen Neonfarben. Affirmation und Anbetung pur, näher, mein Gott, zu dir. Das fahle b-Moll-Cluster zu Beginn und am Ende, die versprengten Rufe der Bläser, die verlorene Elegie der Oboe, all die traumhaften Gratwanderungen der Berliner Musiker – Thielemanns Gipfelsturm können sie kaum Einhalt gebieten. An Strauss liebt er offenbar die Momente, in dem die Armada des Orchesterapparats die Störmanöver des Selbstzweifels zunichte macht.

Im Schatten des Gipfelsturms: Mendelssohn. Das vertrackte g-Moll-Klavierkonzert mit dem sich allzu häufig verstolpernden und aus der Kurve fliegenden Lars Vogt am Flügel. Und – zur Eröffnung des Abends – die Hebriden-Ouvertüre. Schnelle Strudel, wilde Sturmflut, noch ein Ölschinken mit spachteldick aufgetragener Farbe. Thielemann feiert den Augenblick, das Glück der Amnesie. Jubel im Saal.

Wieder heute und am Sonnabend in der Philharmonie, jeweils 20 Uhr.

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