Kultur : Tausend Striche

Die Graphische Gesellschaft, der Freundeskreis des Kupferstichkabinetts, feiert 10. Geburtstag

Nicola Kuhn

Die große Grünewald-Schau lenkt derzeit wieder die Aufmerksamkeit auf die sagenhaften Bestände alter Kunst im Kupferstichkabinett. Auf dem zeitgenössischen Gebiet kann das Berliner Institut nicht die gleiche Bedeutsamkeit für sich reklamieren. Aber es mausert sich. Das hat mit der Graphischen Gesellschaft zu Berlin zu tun, dem Förderverein des Museums, der aus Anlass seines zehnten Geburtstags seine Erwerbungen präsentiert, unter dem kryptischen Titel „I Bought the Brooklyn Bridge“.

Diesen Namen trägt auch ein Blatt des amerikanischen Zeichners Raymond Pettibon, das einen Anzugträger zeigt, der aus einem Buch eine Seite mit der abgebildeten New Yorker Brücke reißt. Hat der Mann sie nun tatsächlich gekauft? Oder spielt der Künstler eher auf jenen armen Tropf im Song des Countrysängers Bobby Bare an, dem ein Betrüger für die vermeintliche Transaktion die letzten zwei Dollars abknöpft? Die Graphische Gesellschaft fühlt sich jedenfalls mit dem Terminus des Brückenkäufers oder besser: Brückenbauers treffend charakterisiert. Auf ihre Vermittlung hin wurden in den letzten Jahren Arbeiten von 27 Künstlern angekauft. Rechnet man die Schenkung ganzer Sammlungen einzelner Mitglieder hinzu (Maenz/de Vries, Hans und Usch Welle, Christoph Müller), dann beläuft sich das Vermächtnis des Fördervereins auf weit über eine Million Euro.

Ursprünglich war das pompöser gedacht: als „internationaler Freundeskreis nach amerikanischem Muster mit reichen Geldgebern, die sich darum zanken, wer die Michelangelo-Zeichnung finanzieren darf“, erinnert in charmanter Übertreibung die heutige Vorsitzende Mayen Beckmann an die Anfänge. „Das erwies sich in Berlin als unmöglich.“ Und noch etwas ließ die hochfliegenden Pläne schrumpfen: die unmittelbare Nachbarschaft zu den großen traditionellen Förderclubs wie dem Verein der Freunde der Nationalgalerie und dem Kaiser- Friedrich-Museumsverein mit seinen vermögenden Mitgliedern aus Finanzwelt und Wirtschaft. „Natürlich nimmt sich unser Tun im Vergleich zu den Freundeskreis-Riesen, die Museumsförderung auf einem bald industriellen Niveau betreiben, bescheiden und handgestrickt aus“, so Beckmann. In der Graphischen Gesellschaft, die knapp siebzig Mitglieder zählt, trifft sich dennoch das gehobene Bürgertum – Ärzte, Juristen, Künstler, Galeristen –, allesamt Connaisseure.

Was durch ihre Kennerschaft und finanzielle Unterstützung – mit Einverständnis des Direktors – in die Schatzkammern des Kupferstichkabinetts gelangte, lässt die von Andreas Schalhorn eingerichtete Jubiläumsausstellung nur erahnen. Und doch gibt sie einen hervorragenden Überblick, welche Wandlungen die grafische Kunst seit 1960 vollzog, wie weit heute die Drucktechniken reichen und dass zwischen zwei Bleistiftlinien manchmal Welten liegen. Die scheinbar spontane Kritzelei des Niederländers Armando, diese écriture automatique, hängt gleich neben einem Blatt der Amerikanerin Julie Mehretu, die mit ihrem mit Zirkel und Lineal entworfenen komplexen Liniengespinst an futuristischen Konstruktionen zu bauen scheint.

Beide lebten vorübergehend in Berlin, was offensichtlich förderlich für eine Erwerbung ist. Zu den Berliner Künstlern mit Starqualität gehören außerdem Franz Ackermann, Marcel van Eeden und Olafur Eliasson. Von Letzterem ist eine der schönsten Bilderfolgen in der Ausstellung zu sehen, die „Cartographic Series“ (seit 2001) des dänischen Künstlers, der seine Kindheit in Island verbrachte. Die Graphische Gesellschaft gelangte bei dieser jüngsten Erwerbung an die Grenzen ihrer Toleranz: Ist das noch etwas für das Kupferstichkabinett, wenn ein Künstler amerikanische Luftbilder von den Gesteinsformationen und Gletschern seiner Heimat als Heliogravüre drucken lässt? Im Nachhinein kann man dem Förderverein zum Ankauf dieses Konzeptwerks nur gratulieren, denn es zeigt den Stand der grafischen Kunst. Die Blätter vereinen höchste drucktechnische Brillanz mit analytischer Distanz und poetischer Schönheit. Die Methode hatten allerdings auch schon Gilbert & George 1979 angewandt, von denen das kesse Blatt „First Blossom“ aus der Sammlung Maenz/de Vries stammt, das einfach eine Kirschblüte zeigt.

Die Graphische Gesellschaft wäre kein rechter Förderer, würde sie ihr erstes Jubiläum nicht nutzen, um dem Kupferstichkabinett einen weiteren Wunsch zu erfüllen. Damien Hirst soll es sein, sein 23 farbige Radierungen umfassendes Mappenwerk „In a Spin, The Action of the World on Things“, für dessen komplette Erwerbung noch Spender gesucht werden. Bei seinem Berlin-Aufenthalt als DAAD-Stipendiat hatte der britische Künstler erstmals die bislang eigentlich Jahrmärkten und Kindergeburstagen vorbehaltene Technik der Kreisbilder mittels Zentrifugalkraft angewandt. Heute nehmen sie einen Spitzenplatz in seinem Werk ein, wie die Riesengemälde in der Sammlung Bastian zeigen. Das Kupferstichkabinett aber wünscht sich die radierte Version, die ungleich subtiler und auch komplizierter in der Produktion daherkommt. Der Künstler ließ sich eine eigene Rotationsmaschine bauen, dazu eine Konstruktion, von der aus er bäuchlings die Druckplatten bearbeitete. Das Ergebnis sind heitere bunte Blätter mit Kreisen darauf, die Plattentitel tragen.

Und doch zeigen sie den Einfluss der Welt auf die Dinge, wie es im Untertitel der Serie heißt. Auf seine Art berichtet davon jedes Bild der Sammlung.

Kupferstichkabinett, Kulturforum, bis 6. 6.; Katalog 10 Euro

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