Kultur : Tausend Tränen tief

SUSANNE MESSMER

Wie sie so in das schnieke Café in den Hackeschen Höfen hereinschneien, haben sie gleich die vollste Aufmerksamkeit und alle Sympathie auf ihrer Seite.Reichlich aufgekratzt berichten sie von ihren Proben für die bevorstehende Tournee, auf der sie ihr kürzlich erschienenes Album "rainbirds3000.live" vorstellen werden."Wir haben keinen festen Übungsraum und treffen uns sporadisch.Dazwischen verstreicht Zeit, in der sich jeder für sich weiterentwickelt, Soloprojekte macht.Wenn Tim Lorenz, Katharina und ich dann wieder zusammentreffen, ist es jedes Mal so, als ob wir uns neu verlieben", erzählt Ulrike Haage, die seit 1989, zwei Jahre nach der Gründung der Rainbirds, für die elektronische Experimentierfreude der Band sorgt.Eigentlich kommt sie vom Jazz, studierte dann Musiktherapie und komponiert heute auch Musik für Theaterstücke.Katharina Franck ist die Sängerin der Rainbirds, einziges Gründungsmitglied und erste Person, die einem einfällt, wenn man an die ersten Rainbird-Erlebnisse denkt, Ende der achtziger Jahre, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs.Zum hundertsten Mal nach ihrem größten und einzigen Hit "Blueprint" gefragt, reagiert sie nicht einmal genervt."Blueprint hat ein Eigenleben gewonnen", grinst Franck, "er ist zwar ein Teil von uns, aber auch eine eigene kleine Welt, die uns einfach so passiert ist."

Seit den Tagen von "Blueprint" hat sich bei den Rainbirds viel verändert.Als der Deal mit einem Majorlabel auslief, wechselten sie zur kleineren Firma Rough Trade und schufen sich den Rahmen, sich vom Onehitwonder-Schock zu erholen und Neues zu probieren."Wir haben uns als Künstlerinnen zusammen getan.Du würdest Günter Grass auch nicht fragen, warum er noch ein Buch schreibt.Das ist wie eine Leidenschaft, du arbeitest so lang, wie du aus deinem Eigenen schöpfen kannst", sagt Haage.

Genau dieser künstlerische Anspruch auf die ehrwürdigen Höhen der Kunst, auf die Ewigkeit, all die kammermusikalischen Ansätze der Rainbirds, ihre Hörspiele und die Zusammenarbeit mit F.M.Einheit von den Einstürzenden Neubauten - es scheint, als sei das eine Methode, die Popstars bei ihren Problemen mit dem Älterwerden hilft.Genau das ist aber auch der Haken bei den Rainbirds: Bei vielen Songs klingt Katharina Francks Stimme so theatralisch verbildet, so frisch und so frei, so unbekümmert und frech, daß es nach nichts schmeckt.Nie ist sie leise, nie zweideutig oder einfach mal voll daneben.Es hört sich selten so an, als ob sie für sich selbst, in sich hinein sänge.Auch die Songs selber erscheinen bisweilen oberflächlich, immer einen Tick zu schnell, um sich beim Hörer nachhaltig einzuprägen.Im Brustton der Überzeugung erklärt Franck: "Wenn ich mich selbst zu Tränen rühre mit meinem Gesang, dann rühre ich auch andere" - und bringt damit genau jenen Mangel an musikalischer Brechung, an Selbstironie zum Ausdruck, über den die Rainbirds oft stolpern.

Dazu kommt in vielen Fällen Francks nervig naives Songwriting.Es muß schon einiges dazugehören, wenn ein Lied über tausend Tränen heute noch etwas auslösen soll.Bevor ein Stück - wie bei den Rainbirds - um jeden Preis den Mond anheulen oder Bäche weinen möchte, sollte es lieber von Marmeladengläsern oder dem Bus nach Bahrenfeld handeln.Erst jetzt, mit ihrem Live-Album, scheinen die Rainbirds zu einem ganz anderen Ton zu finden.Viele altbekannte Songs sind bis zur Unkenntlichkeit auseinandergedehnt durch frei improvisierte, sich blubbernd vermischende Sequenzen, Klangcollagen, Fragmente und Assoziationen."Wir entwickeln gerade etwas vollkommen anderes.Ich genieße es sehr, daß wir unserem Publikum zum ersten Mal nicht davonpreschen und sie mit offenen Mündern stehen lassen", berichtet Katharina Franck.Es ist wohl dieses Entspannen, das Sich-Zeit-lassen, das sogar "Blueprint" auf einmal wieder ganz frisch klingen läßt.Auch das eher sterile Stück "Shoot From the Hip" vom letzten Studioalbum streift plötzlich etwas, das es vorher nicht berührte.Vielleicht wird es im Konzert noch mehr bewegen, wo die erste Bearbeitung für "rainbirds3000.live" noch einmal neu entworfen werden wird.

Die Rainbirds spielen am Sonntag im Großen Sendesaal des SFB, Masurenallee 8-14, 20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben