Kultur : Tausend und ein Tag

Silvia Hallensleben

Der einst so originelle Umwelt-Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße hat sich in den letzten Jahren zu einer gewöhnlichen Ansammlung von Buden für Kunsthandwerk aus Billiglohnländern verwandelt, die nur noch in ihrer folkloristischen Anmutung auf den ursprünglichen Alternativ-Charakter verweist. Da tut es gut, nach einem Kurzdurchgang am Sonntagnachmittag ein paar Schritte weiter im Kino in den Hackeschen Höfen bei einer gänzlich glühweinfernen Sondervorstellung von AfricAvenir die Seele aufzutanken. Träge räkelt sich das mauretanische Fischerörtchen Nouadhibou in Abderrahmane Sissakos Heremakono – Warten auf das Glück in der atlantischen Abendsonne. In einem Fremdenzimmer wartet der junge Abdallah, um sich – vielleicht für immer – von seiner Mutter zu verabschieden. Er will nach Europa auf die andere Seite des Wassers. Auch hier im Dorf ist er ein Außenseiter, der Sprache und Bräuche nicht mehr versteht. Doch er findet Freunde. „Warten auf das Glück“ ist kein bitterer Film, im Gegenteil: Das strahlende Sonnenlicht in den Gassen scheint die Menschen auch innerlich zu erwärmen und gibt diesem Ort des Transits eine Aura stillgestellter Zeit.

„Von der anderen Seite der Zeit“ zu kommen, behauptet der verliebte Prinz Ahmad sinngemäß in der Originalfassung von Michael Powells Der Dieb von Bagdad, und er verspricht seiner Geliebten „alle Morgen“. Doch auch Zuschauer können hier mehrfache Zeitreisen machen. Zunächst geht es 66 Jahre zurück in eine Zeit, als man im weltkriegsumdüsterten Hollywood den Mittleren Osten noch als weltentrückten Traumort imaginieren konnte. Es ist der Orient aus Tausendundeiner Nacht, wo die Minarette und Moscheekuppeln hellblau oder rosa getüncht sind und in Basra ein kindsmütiger Sultan residiert, der sich für ein fliegendes Pferd sein schönes Töchterlein abschwatzen lässt. Liebe und Heldenmut reichten damals, den bösen Großwesir einfach in Stücke zerspringen zu lassen wie die Saddam-Statuen eine Parallelwelt später. Doch schon im Film blicken die Altvorderen auf eine andere Zeit zurück, die sie die „goldene“ nennen, „weil Gold damals nichts bedeutete“. Der edelmütige Kinderheld Abu scheint direkt aus dieser goldenen Zeit zu kommen – doch mit seinem frischen Witz passt er gut zu Berliner Jungs und Mädchen, ob die nun Ahmed oder Britney heißen.

Übrigens: Mit seinen heute rührend hausgemacht erscheinenden Special Effects lässt der Film auch kindlicher Imagination ausreichend Raum. Nur die Riesenspinne in einem tibetischen Tempel könnte bei allzu Kleinen eventuell lebensprägende Traumata auslösen. Doch im Kreuzberger Regenbogenkino, wo der Film bis Montag läuft, gruselt man sich wenigstens nicht allein.

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