Kultur : Tausend Weltwunder

Schlossmuseum oder Museumsschloss? Der Wiederaufbau der Dresdener Residenz geht in die letzte Runde

Michael Zajonz

Es geht voran: In Dresden genügt ein Blick aus dem richtigen Fenster, um diese so simple Behauptung zu ergründen. Etwa aus dem dritten Obergeschoss im Westflügel des Residenzschlosses. Gegenüber, im Ostflügel, klafft eine riesige Lücke – noch zu späten DDRZeiten in das 1945 ausgeglühte Mauerwerk geschlagen, um schweres Baugerät in den Hof schaffen zu können. Dahinter strahlt der für das katholische Bistum Dresden-Meißen makellos renovierte Renaissancebau der Alten Kanzlei und, keine 200 Meter entfernt, die zartgelbe Steinkuppel der Frauenkirche.

Im kommenden Jahr werden die Mitarbeiter des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hier ihre neuen Arbeitsräume beziehen. Über 450000 Grafiken von 12000 Künstlern – darunter die einzige bekannte Zeichnung Jan van Eycks – müssen dann aus ihrem Interimsquartier in die komfortablen Dachräume des Westflügels überführt werden. Neben der grafischen Sammlung werden im September 2004 auch die neu geschaffene Kunstbibliothek und die weltbekannte Pretiosensammlung Grünes Gewölbe im Schloss eröffnet. Das Münzkabinett logiert schon seit Sommer 2002 hier.

Eine „Erfolgsverdammung“ nennt Generaldirektor Martin Roth den schrittweisen Versuch musealer Schlossbeatmung. Denn die künftigen eineinhalb bis zwei Millionen Besucher pro Jahr werden ihren Traum von Vergangenheit zunächst inmitten einer Baustelle animieren. Bis zum 800-jährigen Stadtjubiläum 2006 soll das Schloss äußerlich wiederhergestellt sein. Frühestens gegen 2010 kann Roth dann das ganze Haus bespielen – auf etwa 9500 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Bis dahin wird der Freistaat mindestens 335 Millionen Euro verbaut haben.

In einem Workshop informierten Roth, die Sammlungsdirektoren Dirk Syndram (Grünes Gewölbe), Wolfgang Holler (Kupferstichkabinett) sowie Ludwig Coulin, Leiter des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements, nun über Planungsstand und künftige Nutzungen. Schlossmuseum oder Museumsschloss, das ist die Frage. Eine Antwort darauf lässt sich nur mit Blick auf die wechselvolle Bau- und Rezeptionsgeschichte der Wettiner-Residenz finden, die ähnlich wie die Münchener Residenz oder die Wiener Hofburg zu einem Mixtum Kompositum höherer Ordnung wuchs. Bis Ende des 16. Jahrhunderts war ein einheitlicher, mit Altanen, Türmen und Sgraffitoschmuck dekorierter Bau entstanden. Unmittelbar vor seiner Zerstörung bot das Schloss aber den Anblick eines vielfach überformten Palimpsests.

Ein Modell des Renaissanceschlosses – 1989/90 von 250000 Besuchern bewundert – geriet zum Stolperstein des Wiederaufbaus. Die Diskussion eskalierte 1995, als der Architekturkritiker Falk Jaeger den verantwortlichen Denkmalpflegern in der „FAZ“ die Erfindung eines „historischen Disneylands“ vorwarf. Eine Dresdener Tageszeitung titelte: „Berliner Professor beleidigt sächsische Denkmalpflege.“ Wie war es zu diesem kulturellen Ost-West-Konflikt gekommen?

Der von den Dresdener Konservatoren Gerhard Glaser und Heinrich Magirius hoch bewertete Renaissancebau sollte wieder sichtbar gemacht werden – durch Rekonstruktion. Denn im Original hatte 1701 ein Brand gewütet. Die Sgraffiti wurden damals beseitigt, Innenräume wie der Riesensaal und die nicht mehr benötigte evangelische Schlosskapelle überbaut. Erst zwischen 1889 und 1901 erhielten die Fassaden ihre heutige Gestalt, in nur bedingt dem historischen Vorbild nachempfundener Neorenaissance. 1985 beschloss die SED den Wiederaufbau. Das Konzept sah die Rekonstruktion des Großen Schlosshofes in der Gestalt von 1680 vor. Für den Einbau von Schlosskapelle und Riesensaal wurde historische Substanz, etwa Teile der Ostflügelfassade, geopfert: ein in der deutschen Denkmalpflegepraxis der letzten Jahrzehnte einmaliger Vorgang. Pikant wird der Fall durch seine persönliche Note. Denn ohne Idealisten wie Glaser oder den Nestor der Dresdener Denkmalpflege Hans Nadler würde das Schloss nicht mehr stehen.

Listenreich verteidigten sie die Ruine, ersannen Zwischennutzungen, erstritten Gelder – und verfolgten zugleich ein Idealbild kursächsischer Geschichte. Im letzten Sommer wurde Glaser pensioniert, seitdem geht es pragmatisch um mehr museale Nutzbarkeit. So soll der Bau, der wie ein Riesenpfropfen zwischen Theaterplatz, Zwinger und Brühlscher Terrasse sitzt, mit öffentlichen Wegen erschlossen, der Schlosshof überdacht werden. Von hier erschließen sich Sammlungen wie die Rüstkammer über die wiederhergestellte Englische Treppe.

In seiner Sonderrolle gewahrt bleibt das Grüne Gewölbe. Fünf der acht Räume der 1729 eröffneten Schatzkammer überstanden den Feuersturm von 1945; nun werden Pöppelmanns Raumkunstwerke restauriert oder rekonstruiert. Hauptwerke wie Johann Melchior Dinglingers „Hofstaat des Großmoguls“ oder die „Elfenbeinfregatte“ des Jakob Zeller (1620) ziehen 2004 dauerhaft in das Neue Grüne Gewölbe um. Hier, in den hochmodernen Sälen über den historischen Räumen, wird erstmals zu sehen sein, was das neue Dresdener Schloss zum Modellfall macht: die kunstvolle Verschränkung von „gemachter“ und überlieferter Geschichte.

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