Kultur : Tausendmal entführt

Ein Jarmusch aus Japan: „19“ von Kazushi Watanabe

Cristina Moles Kaupp

Drei junge Männer gleiten mit dem Auto durch Tokio. Sie reden wenig, tragen hippe Klamotten und gucken unglaublich cool. Gleich werden sie einen Rollerfahrer nach dem Weg fragen, ihn scharf ausbremsen und einfach kidnappen, am hellichten Tag. Und ihr Opfer, ein Student namens Usami, wird sich seltsam hineinfügen in seine Lage.

Erst klemmt er verängstigt auf der Rückbank. Lügt, wenn ihn der Anführer nach seinem Namen fragt, und bezieht Prügel dafür; die Wahrheit steht schließlich in seinem Ausweis. Für seine Kidnapper wiederum scheint das Ganze eher ein Riesenspaß, und so verlassen sie die Stadt Richtung Meer. Unterwegs bekommt ihre Geisel neue Turnschuhe, dann essen sie etwas, besuchen einen Zoo, knipsen haufenweise Polaroids. Familiär wirkt das, wie ein friedliches Zeittotschlagen. Und beiläufig wird ab und an ein neues Auto geknackt.

Warum hat sich die Gang ausgerechnet den mittellosen Usami geschnappt? Die ganze Geschichte macht keinen Sinn. Doch ihr Anfang und das nicht minder kuriose Ende sollen sich tatsächlich so ereignet haben. Regisseur Kazushi Watanabe – er spielt auch den Anführer – macht daraus ein kleines szenisches Kunststück und verknüpft die beiden Punkte zu einer fast schon magischen Daseinsbeschreibung.

Zunächst hat er aus „19“ fast alle Farben herausgesogen; sie glimmen nur noch in überbeleuchteten Szenarien. Auch weicht die Enge der Stadt bald leeren monochromen Landschaften. Darin bewegen sich die Protagonisten wie hippe Statisten, deren Codes universell verständlich sind. Mal verschwimmen ihre Konturen, und alles wird Pore. Mal blitzen sie wie Scherben auf, Teile eines Puzzles, dessen Rätsel das Leben selbst zu sein scheint, sein Tempo, seine Leere und die Posen der Jugend.

Und zu allem setzt eine E-Gitarre Akzente wie einst Neil Young in Jarmuschs „Dead Man“. Sie wird nicht die einzige Reminiszenz bleiben – der 26-jährige Watanabe hat in seinem Debüt ein Faible für Zitate. So erinnert sein lakonisches Roadmovie an verblichene Western, nur dass es bei Watanabe nicht um Ehre, Liebe, Moral oder Besitz geht. Seine Gang zelebriert nur die Sinnlosigkeit allen Tuns. Fast findet auch Usami Gefallen daran – doch dann entführt die Gang ein weiteres Opfer.

Babylon Kreuzberg, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos (alle OmU)

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