Kultur : Tausendmal probiert

Leise Leere: Yasmina Rezas „Spanisches Stück“ in Hamburg uraufgeführt

Katrin Ullmann

Sie hasse das Publikum. Es huste. Es störe und es lache nie an den richtigen Stellen, gab Yasmina Reza einmal offen zu. Das war Anfang Februar in Hamburg. Zuvor hatte sie aus ihrem jüngsten Buch „Adam Haberberg“ gelesen, Zuschauerfragen beantwortet und aus ihrer Kindheit erzählt. Das Publikum hingegen liebt sie (trotzdem); die weltweit meist gespielte Gegenwartsdramatikerin, die in Paris lebende ungarische Iranerin, die am Sonntag ihren 50. Geburtstag feiert, die Autorin, die „Kunst“ geschrieben hat und „Drei Mal Leben“.

So ist auch die Hamburger Inszenierung von Yasmina Rezas „Spanischem Stück“ ein Publikumserfolg. Jürgen Gosch hat es am Schauspielhaus auf die Bühne gebracht: Auf einer leeren, von leichter Gaze umspannten Bühne (Johannes Schütz) proben fünf Schauspieler die Familiengroteske eines iberischen, nicht mehr ganz jungen Jungdramatikers. „Ein spanisches Stück“ eben, wie der lapidare Titel besagt. Darin verliebt sich Pilar (Rosel Zech), eine resolute Frau über 60, in den Cordhosen-Hausverwalter Fernan (Manfred Zapatka). Als sie ihn ihren Töchtern Nuria (Anneke Kim Sarnau) und Aurelia (Wiebke Puls) vorstellt, sind beide entsetzt. Die Töchter wiederum betätigen sich als mehr oder weniger erfolgreiche Schauspielerinnen. Die eine, Nuria, reüssiert im Filmgeschäft und nimmt in teuren Fähnchen teure Preise entgegen. Die andere lebt mit Mariano zusammen, einem versoffenen Mathelehrer (Thomas Dannemann), und mimt in einem wiederum bulgarischen Stück irgendwo draußen vor der Stadt eine unglücklich verliebte Klavierlehrerin.

In neutralem Probenlicht also stehen die Darsteller scheinbar auf einer Probebühne herum und probieren ihre Rollen für dieses Familiendrama, ihre Dialoge, ihre Auf- und Abtritte. Da sie nur probieren und nicht „wirklich“ spielen, treten die Darsteller immer wieder aus ihren Figuren heraus. Dann sind sie plötzlich nicht mehr der hundsfeige Alkoholikergatte, die erfolglose Tochter, die sich Süßstoff in den Hals kippt, oder der eifrig um Harmonie bemühte Verwalter. Sondern sie sind Wiebke Puls, Anneke Kim Sarnau, Manfred Zapatka, Rosel Zech und Thomas Dannemann; sind Schauspieler, die sich selber, nein: sich als Schauspieler spielen.

Dann tragen sie Coffee-to-Go-Becher, Tische und Stühle herein, wüten wechselweise gegen den Autor, gegen den Regisseur, gegen die Kostüme. Oftmals wüten sie auch nur gegen sich selbst, gegen das Leben, die Leere und die Bedeutungslosigkeit. Dabei jonglieren sie mit mehr oder weniger freundlichen Schauspielerklischees, durchleben heftige Sinnkrisen, verzagen kurz und spielen doch absolut gekonnt mit der Situation und mit dem Publikum.

Weil eben nur Schauspieler über Schauspieler so reden können, lösen sich die Ebenen auf zwischen Rolle und Figur, zwischen Charakter und Person: Das „echte“ Leben vermischt sich mit Bühnenfiktion. Das Theater konkurriert mit der Wirklichkeit, der Schein mit dem Sein. Das ist nahe liegend und nicht überraschend. Jürgen Gosch lässt allen ausreichend Raum für Ideen und Improvisationen, lässt alle gleichwertig präsent und authentisch sein.

Ob Rosel Zech als Pilar hektisch Teekuchen aufschneidet, Wiebke Puls als Aurelia einer beängstigenden Panikattacke erliegt, Thomas Dannemann als Mariano mit Manfred Zapatkas Fernan minutenlang über Efeu und Eigentümergemeinschaften diskutiert oder Anneke Kim Sarnau als Nuria herzbewegend von ihrer nie gespielten Tschechowlieblingsrolle schwärmt: Sie sind toll, sind tatsächlich überwältigend, sind amüsant, herrlich und grandios. All das!

Und doch bleibt am Ende eine leise Leere zurück. Sicher ist Rezas „Spanisches Stück“ ein Stück über und vor allem eines für Schauspieler: pointiert, feinsinnig beobachtet, schön verstrickt und unterhaltsam. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wieder einmal ist das Theater zuvörderst mit sich selbst beschäftigt.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg, wieder am 16., 17. und 29. Mai

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