Kultur : Tausendsassa

Zum Tod von Michael Crichton

Gregor Dotzauer

Sein Freund Steven Spielberg nannte ihn einmal „the high priest of high concept“ – den Hohepriester des ausgeklügelten Konzepts. Michael Crichton hatte dagegen nichts einzuwenden. Wo andere bis in alle Ewigkeit darüber streiten werden, ob Kunst von Können kommt oder von Müssen, da hatte er für sich längst entschieden, dass sie aus der nüchternen Konstruktion entsteht. Am Anfang muss ein Thema stehen, das den Nerv der Zeit berührt – und am Ende ein spannendes Stück Unterhaltung. Ton- und Stilfragen waren ihm dabei so egal wie eine ausreichende pychologische Grundausstattung seiner Figuren. Action is character hieß seine Maxime auch in der Literatur – wobei ihm das Buch als Buch so wenig bedeutete wie der Film als Film: Schließlich ging es um Konzepte.

Tatsächlich ließ sich der Roman „Jurassic Park“ problemlos in das Drehbuch zu Spielbergs gleichnamigem Film konvertieren, und „Timeline“ funktionierte auch als Computerspiel. Der Ausflug in die Spielewelt dürfte das einzige gewesen sein, was ihm misslang. Sonst gab der Erfolg ihm immer recht. Ob er fürs Fernsehen die Krankenhausserie „Emergency Room“ erdachte und produzierte oder als Redner gegen Umweltschutz als Ersatzreligion polemisierte und gegen eine allzu billige Wissenschaftsgläubigkeit – er schlug sein Publikum in Bann und wurde reich damit.

Doch niemand soll niemand behaupten, er hätte es sich leicht gemacht. Crichton war einfach unfähig, sich zu wiederholelen, vielleicht, weil er selbst so schnell zu langweilen war. Noch bevor er irgendein Thema tiefer ergründet hatte, sprang er schon zum nächsten. Wer ihm dabei folgte, konnte einiges lernen: in „Jurassic Park“ etwas über die Chaostheorie, in „Beute“ etwas über die Gefahren der Nanotechnologie, in „Welt in Angst“ etwas über den Klimawandel und in seinem letzten Roman „Next“ etwas über die Schrecken der Genmanipulation. Er folgte dabei nicht nur Trends, er schuf selber welche: Ohne seinen später mit Demi Moore verfilmten Thriller „Enthüllung“ hätten sich die teils absurden sexual harassment-Diskussionen in den USA viel langsamer entspannt: Die Belästigung ging hier von einer Frau aus.

Crichton, 1942 in Chicago geboren, hatte in Harvard Medizin studiert. Auf den Gebieten, auf denen er sich später profilierte, blieb er ein Dilettant – allerdings nicht ohne ein gewisses Genie. Im Grunde ist schon in „Westworld“ (1973), seinem Debüt als Kinoregisseur, die für ihn bestimmende negative Utopie einer entgleisenden Technowelt ausgeprägt. Am Dienstag, dem Tag der Präsidentschaftswahlen, ist Michael Crichton mit 66 Jahren überraschend einer Krebserkrankung erlegen. Gregor Dotzauer

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