Kultur : Tausendundeine Nachtseite Thomas Braschs Mammut-Roman wird endlich gelesen

Thomas Wild

Seinem letzten Projekt widmete er bis zu seinem Tod 2001 ein ganzes Lebensjahrzehnt. Thomas Brasch, der als Erzähler („Vor den Vätern sterben die Söhne“, Filmemacher („Engel aus Eisen“), Lyriker („Der schöne 27. September“), Theaterautor und Übersetzer bekannt geworden ist, stieß Ende der Achtzigerjahre auf den historischen Fall des zweifachen Mädchenmörders Karl Brunke. Die Geschichte ließ ihn nicht mehr los. Eine knapp 100-seitige Fassung des „Mädchenmörder Brunke“ erschien 1999 im Suhrkamp Verlag. Tausende Seiten blieben unveröffentlicht und wanderten in die Berliner Stiftung Archiv der Akademie der Künste, die Braschs Nachlass betreut.

Dass dieser Schatz nun gehoben wird, ist eine kleine Sensation. In monatlichen Fortsetzungen wollen Schauspieler, Künstler, Wissenschaftler und Freunde Thomas Braschs das gesamte unpublizierte Material öffentlich vorlesen. Erwartet werden dabei ähnlich prominente Akteure wie bei der „Lesetextmaschine Marquis de Sade“, für die Hartmut Fischer, Veranstalter der Reihe, in den letzten fünf Jahren schon Angela Winkler, Katharina Thalbach, Lars Rudolph oder Meret Becker gewonnen hatte. Flankiert werden die Lesungen von Vorträgen, die zentrale Themen des Brunke-Stoffs erschließen sollen: etwa die Kabbala, die Fuge oder die Junggesellenmaschine.

Der 37-jährige Autor, Performer und Buchhändler von „Juliettes Literatursalon“ Hartmut Fischer war mit Brasch seit Ende der Neunzigerjahre bekannt. Das Brunke-Projekt bildete den roten Faden ihrer Gespräche. Brasch hatte sogar geplant, einen Teil des Manuskripts im Verlag des gebürtigen Tübingers als Groschenheftfolge herauszubringen. Eröffnet wird die Reihe am Sonntag im Restaurant „Cantamaggio“ mit einer Lesung von Anna Thalbach und einem Vortrag des Wiener Philosophen Andreas Hofbauer über die Zahl sieben. Die kommenden Veranstaltungen finden vor allem im „Club der polnischen Versager“ statt. Ausflüge an andere Orte sind geplant: Die Textfährten führen bis in Gefängnisse, Banken und Bordelle.

„Die Liebe und ihr Gegenteil“ wollte Thomas Brasch seine wundersame Textlandschaft ursprünglich nennen. Der Titel verrät seinen Anspruch: einen umfassenden Entwurf über das Leben und die Kunst vorzulegen. Ob der Veranstaltungsreihe eine Edition des Textes folgen wird, ist zweifelhaft. Rainer Weiss, Programmleiter des Suhrkamp Verlages und ehemaliger Lektor von Brasch, mutmaßt: „Dafür gibt es nur einen sehr eingeschränkten Leserkreis.“ Hartmut Fischer indes kann sich von der Loseblattsammlung bis zur CD-ROM viele Versionen vorstellen. Nur der Grundzug von Braschs Entwurf soll dabei gewahrt bleiben: „die Arbeit des öffentlichen Träumers“.

25. April, 19 Uhr: Cantamaggio, Alte Schönhauser Straße 4 . 4. Mai, 21 Uhr: Club der polnischen Versager, Torstraße 66.

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