Kultur : Tausendundeine Reise

Zum Ferienbeginn: Klassiker, frisch übersetzt. Vier Lektüreempfehlungen für den Strand, den Stau und das stille Vergnügen

Peter von Becker

Spinnen

Wenn wir große Literatur lesen, dann reisen wir auch ohne örtliche Fortbewegung. Aber schön ist es doch, wenn das wirkliche Reisen mit der wirklichen Literatur zur Exkursion in die Innenwelt der Außenwelt wird und jenes „weite Land“, das Schnitzler die menschliche Psyche nannte, übergeht in die Weite des Meeres – nicht nur am Strand, sondern auch in den Seefahrerepen von Hermann Melville („Moby Dick“) oder Joseph Conrad (ein Lieblingsbuch: „Lord Jim“). Das Leben mag einer Berg- und Talfahrt gleichen, doch gibt es viel weniger Bergliteratur als Meeresdramen, und wenn Büchners Lenz „durchs Gebirg“ geht, dann versucht er, der eigenen Kopfenge und Existenzschwerkraft ins Weitere zu entkommen. Um sein Leben zu retten. Und dann ist da im Meer der Weltliteratur ein Buch, das das Erzählen selbst zur Lebensrettung erklärt. Im Kern ist dieses Buch der Schalen, Kostüme und Spiele eine so zarte wie gewaltsame Liebesgeschichte. Die gefangene Schahrasad erzählt ihrem Verehrer und Versklaver, einem blaubartähnlichen König, der seine Frauen nach der ersten Nacht zu töten pflegt, immer neue Geschichten, die den Atem der Liebe und des Mordes von Nacht zu Nacht anhalten. Denn wer so erzählt wie Schahrasad, der kann und darf nicht sterben. Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zeigen so zugleich die Selbsterzeugung von Literatur: aus existenzieller Notwendigkeit und aus dem Faden, der immer den nächsten Faden spinnt. Jetzt hat die Orientalistin Claudia Ott das wohl zwölfhundertjährige Epos erstmals aus der ältesten arabischen Handschrift des 15. Jahrhunderts ins Deutsche übertragen. Das ist mehr als nur ein philologisches Ereignis.


Dieses Buch bestellen— Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi. C.H. Beck Verlag, München 2004, 688 Seiten, 29,90 €.

Lieben

Man muss nicht gleich nach Verrières fahren, in das Städtchen, das mit seinen weißen Häuern als eines der hübschesten in der Grafschaft Franche-Comté gilt. Man kann es sich erlesen und spart obendrein viel Zeit. Denn Zeit braucht man, um in Verrières Wiedersehen zu feiern mit einer der bittersten, zynischsten und leidenschaftlichsten Liebesgeschichten der Weltliteratur: der zwischen Julien Sorel und Madame de Renal. Elisabeth Edl hat Stendhals „Rot und Schwarz“ nach 50 Jahren jetzt neu übersetzt und mit einem hochinformativen Nachwort, einer Zeittafel sowie Anmerkungen versehen. Eine gute Gelegenheit, noch einmal in den mit Sorels Idol Napoleon befassten Zeitroman hinabzutauchen. Schon Goethe ließ sich das Buch im Januar 1831 von seiner Schwiegertochter Ottilie vorlesen und rühmte es als Stendhals „bestes Werk“. Und der Historiker Hippolyte Taine hat den Roman nach eigenen Angaben mehr als sechzig Mal gelesen. Der heutige Leser gehört also nicht mehr zu den happy few, denen Stendhal sein Werk 1830 zueignete, sondern befindet sich in bester Gesellschaft. Christina Tilmann


Dieses Buch bestellen— Stendhal:Rot und Schwarz. Carl Hanser Verlag, München 2004. 872 Seiten, 34,90 €.

Genießen

Saufen, den Frauen nachschauen (mit Erfolg), ins Theater gehen (oft ein Flop), das wäre ein nettes Urlaubsprogramm. Für diesen Gentleman hier, einen Karrieristen im Dienst der Royal Navy, war es Alltag: Streiten mit der Ehefrau, Kopfschmerzen am nächsten Morgen und abends wieder ein zweifelhafter Theatergenuss. Nun, Kino gab’s noch nicht, als Samuel Pepys Mitte des 17. Jahrhunderts in London seine Kreise zog – und ein gewisser Shakespeare war vom Status eines unangefochtenen Klassikers so weit entfernt wie unsere Stückeschreiber heute. Pepys sieht die „Lustigen Weiber von Windsor“, „miserabel gespielt“, mokiert sich über ein Machwerk namens „Ein Sommernachtstraum“, schickt die Gattin „zu Tante Wight, um einen guten Platz für Turners Hinrichtung zu sichern“, weidet sich am Stapellauf mächtiger Kriegsschiffe, stöbert nach obszönen französischen Schriften und liebt im Übrigen nur die Musik noch mehr als seine heimlichen Rendezvous: „Nutzte die Gelegenheit, im Dunkeln zu Mrs. Bagwell zu fahren und dort nudo in lecto con ella alles zu tun, wozu ich Lust hatte. Obwohl ich zuerst vorhatte, para aver demorado con ella toda Nacht, war mir sowohl ella als auch la cosa verleidet, nachdem ich mit ihr angestellt hatte, ce que je voudrais. Außerdem bestand die gefahr von su maridos Rückkehr esta noche, so dass ich es vorzog, mich levar.“ Ein vielseitiger Sprecher und Stecher. Samuel Pepys’ (1633–1703) Aufzeichnungen wurden erst im 19. Jahrhundert entdeckt; und erst 1970 begann man mit der kompletten neunbändigen Edition. In einer Neuausgabe und Auswahl gibt es „Die geheimen Tagebücher“ nun übersetzt von Georg Deggerich, herausgegeben von Roger Willemsen und Volker Kriegel, der wie Robert Gernhardt, F.K. Waechter oder Michael Sowa zu den Illustratoren des Bandes gehört. Verdauungsbeschwerden, Krieg mit Holland, Pest in London: Hier schrieb kein Literat, hier hatte einer nur Ansprüche ans Leben.Pepys’ Ehrgeiz ging so gut auf ein Fass Austern und einen denkwürdigen Weinkeller wie auf ein einträgliches Amt. Er genoss hohes Ansehen, was er nicht zuletzt der Tatsache verdankte, dass er Sätze wie „Später erschien der König und hielt die schlechteste Rede, die ich je gehört habe“ allein für die Schublade schrieb. Rüdiger Schaper


Dieses Buch bestellen— Samuel Pepys: Die geheimen Tagebücher. Eichborn Verlag, Berlin 2004. 416 Seiten, 29,90 €.

Vergehen

Als der Piper Verlag den Deutschen 1959 noch ein ausgewachsenes Raubtier entgegenspringen ließ, da traute er der Größe von Giuseppe Tomasi di Lampedusas einzigem Roman „Il Gattopardo“ wohl noch nicht ganz. Denn die Übersetzung des Titels als „Der Leopard“ täuscht darüber hinweg, dass sich nur die deutlich kleinere Pardelkatze, besser bekannt als Ozelot, hinter ihm verbirgt. Von ihrem Ehrfurcht gebietenden Verwandten unterscheidet sie unter anderem ein verknöchertes Zungenbein, das sie am Brüllen hindert. Wenn die um einige Textfragmente und Gedichte ergänzte Neuausgabe – frisch übersetzt von Giò Waeckerlin Induni und mit einem Nachwort von Lampedusas Adoptivsohn Gioacchino Lanza Tomasi – sich mit dem Titel „Der Gattopardo“ bescheidet, liegt darin mehr als ein Detail. Es steht für die schwindende Bedeutung des sizilianischen Adelsgeschlechts der Salinas mit dem Ozelot im Wappen. Lampedusas Epos, 1958 ein Jahr nach dem Tod des Autors im Original erschienen, erzählt in weit ausschwingenden Metaphernketten vom Ende einer herrschaftlichen Epoche. Don Fabrizio, der Protagonist, sieht hilflos zu, wie Garibaldis Sturm auf die Bourboneninsel Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Stand bedroht. Und doch ist das für ihn nur der Anlass, sich Rechenschaft abzulegen über das persönliche Vergehen inmitten all der Pracht. „Don Fabrizio, der schwarz und steif in der Tür stand, wurde von diesem Sonnenschimmer, von diesem Wechselspiel von Funkeln und Schatten schwer ums Herz: jener äußerst patrizische Saal weckte in ihm die Erinnerung an ländliche Bilder: der Farbklang gemahnte an die grenzenlosen, unter der Tyrannei der Sonne ekstatisch um Gnade flehenden Getreidefelder rund um Donnefugata; auch in diesem Saal war die Ernte schon längst eingebracht und anderswo gespeichert worden wie Mitte August in den Lehnsgütern, und wie dort blieb die Erinnerung nur in der Farbe der Stoppeln zurück; versengt überdies und nutzlos.“ Ein sinnentrunkenes Buch über den Tod und die Kraft, mit der sich Don Fabrizios Neffe Tancredi und seine bürgerliche Freundin Angelica dagegen auflehnen: die Liebe. Gregor Dotzauer


Dieses Buch bestellen— Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Piper Verlag, München 2004. 367 Seiten, 22,90 €.

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