Kultur : "Tauwetter"-Kunst

KATJA REISSNER

Politisches "Tauwetter" zog 1953 in der Sowjetunion ein nach dem Tode Stalins und 1956 nach dem XX.Parteitag der KPdSU.Es hielt fast bis Mitte der 60er Jahre an und leitete bei vielen Moskauer Künstlern die Suche nach einer neuen Kunst ein.Sie distanzierten sich zwar vom Sozialistischen Realismus, zogen aber dennoch nicht gleich mit westlichen Entwicklungen.

Die "Suche nach Freiheit" der sogenannten Nonkonformisten der 50er bis 70er Jahre ist im Westen immer noch wenig bekannt.Feste Größen sind hier eher die Soz-Art-Künstler Kolmar & Melamid, die nicht in ihrem Land geblieben waren, und die Konzeptualisten, allen voran Ilja Kabakov, der auch in dieser Ausstellung vertreten ist.Die Kuratorin Marina Sandmann bemüht sich seit etwa zehn Jahren darum, russische Kunst in der Bundesrepublik bekanntzumachen.Nun hat sie in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung eine Ausstellung von fast zwanzig Künstlern zusammengestellt mit Gemälden, Grafiken, bildhauerischen Arbeiten, die gestern abend im Haus der Wissenschaft eröffnet wurde.

Künstler wie Michail Kulakow und Wladimir Nemuchin finden um 1960 eine abstrakte Bildsprache, die mit dem Informel in Deutschland und Frankreich durchaus vergleichbar ist.Doch ein Jahrzehnt später scheint Eduard Stejnberg mit seinen Bildern umso weiter zeitlich zurückzuweisen - bis zur russischen Avantgarde eines Malewitsch.Wer weiß, ob er dabei auch durch die klare Abstraktion und farbliche Reduktion von Konkreter Kunst und Minimal Art angeregt wurde.Die Suche nach dem Metaphysischen bestimmt die Arbeiten von Michail Schwarzman, der in den Sechzigern an die Tradition der russischen Ikone und Arbeiten Jawlenskys anknüpft, um zu abstrakten Bildkonstruktionen zu gelangen.Wladimir Wejsberg setzt dem um 1970 fast monochrome Stilleben entgegen, die an Morandi erinnern.Dem westlichen Betrachter drängen sich solche Vergleiche auf, die bei den Russen wie eine zeitliche Verzögerung in der Entwicklung der Moderne wirken.

Neben intimen, eher kontemplativen Arbeiten zeigt die Ausstellung auch Spektakuläres.Ernst Neizwestny provozierte mit seiner Bronze "The suicide", einer zerrissenen pathetisch-expressiven Figur von 1958, nachhaltig Chrustschow.Trotzdem durfte er das Grabmonument des Politikers gestalten.Wladimir Jankilewskij hat eine ganz eigene Formensprache zwischen Figuration und Abstraktion entwickelt.Er ist neben einer starken Serie von Radierungen mit einem großen Triptychon aus Holzassemblage und Malerei vertreten.Besonders witzig, poetisch und delikat sind die Aquarelle von Viktor Piwowarow aus dem Umkreis der Konzeptualisten, der wie Kabakov als Buchillustrator gearbeitet hat.

Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstr.176-179, bis 14.Februar; Dienstag bis Freitag 15-19 Uhr, Sonnabend, Sonntag 14-18 Uhr.Katalog 35 Mark.

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