Taxen und Faxen : Hamburg sortiert seine Kulturszene neu

Hauptthema in Hamburg ist das Deutsche Schauspielhaus. Dessen Intendant Friedrich Schirmer verkündete vergangene Woche seinen Rücktritt zum Monatsende – ein dramatischer Schritt, der die Öffentlichkeit überrascht und schockiert hat, weit über Hamburg hinaus.

Katrin Ullmann

„Wir können nicht weiter über unsere Verhältnisse leben,“ verkündete Hamburgs neuer Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU). Drei Tage lang hatte sein Senat beraten und danach ein Sparpaket von insgesamt 510 Millionen Euro vorgelegt. „Konsolidierungsprogramm“ wird es genannt, so klingt es mehr nach einer Sicherheitsmaßnahme für das Bestehende als nach radikalen Einschnitten. Für den Kulturstandort Hamburg, sofern er dann überhaupt noch einer ist, will der Senat eine Kulturtaxe einführen. Diese Steuer wird in Höhe von etwa fünf Prozent auf Übernachtungen in der Hamburger Hotellerie erhoben. Erwartet wird ein Erlös von zehn Millionen Euro pro Jahr.

Aus der Abteilung Kultur, Sport und Medien ist bisher bekannt geworden, dass ein kleineres Museum geschlossen wird, die Zuwendungen für die öffentlichen Bücherhallen um 1 Million Euro reduziert, die Zuschüsse für die Privattheater nicht weiter erhöht werden und die teure Dauerbaustelle Elbphilharmonie in den kommenden Jahren mit je 200 000 Euro weniger bedacht wird.

Hauptthema in Hamburg aber ist das Deutsche Schauspielhaus. Dessen Intendant Friedrich Schirmer verkündete vergangene Woche seinen Rücktritt zum Monatsende – ein dramatischer Schritt, der die Öffentlichkeit überrascht und schockiert hat, weit über Hamburg hinaus. Schirmer hatte die Finanzpolitik des Senats als Grund für seine Demission angegeben. Dem Schauspielhaus werden nun für die Spielzeit 2011/12 die Subventionen um 1,2 Millionen Euro gekürzt. Doch damit habe das Haus – das klingt wie eine Schlichtungsversuch zwischen Kleinkindern – immer noch eine Million Euro mehr als das Thalia-Theater. Dass eine Kürzung in dieser Höhe auf die Theater zukomme, habe man schon geahnt, sagte der Verwaltungsdirektor und nun Interimsintendant des Schauspielhauses, Jack Kurfess: „Allerdings sind wir davon ausgegangen, dass sich die Einsparungsmaßnahme auf alle drei ansässigen Häuser, Thalia-Theater, Oper und Schauspielhaus, verteilt."

Für 2011/2012 wird das Schauspielhaus nur mehr mit 18,55 Millionen Euro bezuschusst. Die Kürzung um 1,2 Millionen Euro für das Theater macht die Suche nach einem enthusiastischen, neuen Intendanten schwer. „Viel Erfolg dabei, Herr Stuth!“, wünscht Kurfess dem Hamburger Kultursenator und weist darauf hin, dass die Kürzungssumme mehr als 50 Prozent des künstlerischen Etats umfasst. Dies wird, sagt Kurfess, eine Spartenschließung zur Folge haben. Im Schauspielhaus bedeute dies das Ende aller kleineren Spielstätten, vor allem aber des Jungen Schauspielhauses. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet das Junge Schauspielhaus, das seine Spielstätte im Malersaal hat, war während der vergangenen fünf Jahre das Vorzeigeobjekt des künstlerisch dauerkriselnden Theaters. Unter der Leitung von Klaus Schumacher wurde und wird hier anspruchsvolles Kinder- und Jugendtheater gemacht. Zur Eigenfinanzierung des gesamten Hauses aber konnte die gut besuchte kleine Spielstätte allerdings wenig beitragen.

Die Zuwendungen für die geplanten Renovierungsarbeiten der gesamten Bühnentechnik des Schauspielhauses, rund 16,5 Millionen Euro, scheinen dagegen gesichert. Das Theater soll „zukunftsfähig“ gemacht werden, heißt es von Senatsseite. Eine 14-monatige Schließung des Theaters wegen Renovierungsarbeiten in der Spielzeit 2012/13 und eine damit einhergehende temporäre Kosteneinsparung könnte man damit nur allzu gut begründen.

Der glimpflich davongekommene Intendant des Thalia-Theaters, Joachim Lux, bekundet Solidarität. Er fordert die Hamburger Bürger zum massenhaften Besuch des Schauspielhauses auf, um zu beweisen, „dass sie das Schauspielhaus für unverzichtbar halten“. Allein Friedrich Schirmer schweigt. Keine Meinung? Keine Wut? In diese bedrohliche Stille wünscht man sich seinen Vorgänger Tom Stromberg zurück, der, nachdem er 2003 vom Hamburger Senat angegriffen worden war, in die Offensive ging, zur Haushaltsdebatte erschien und eine kulturpolitische Diskussion eröffnete. Einen „Krisen-Euphoriker“ nannten ihn manche, wie ein Krisen-Phlegmatiker wirkt dagegen Friedrich Schirmer. Und auch Jack Kurfess, der sich am heutigen Freitag mit Senator Reinhard Stuth zu Gesprächen über die nähere Zukunft des Hauses trifft, fühlt sich manchmal wie „ein Männlein im Walde“.

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