Kultur : Taxi nach Riga

„Lettische Geschichten“ im Hebbel am Ufer Berlin

Rüdiger Schaper

Was gibt es groß zu erzählen? Das sagen sie alle. Leute aus Lettland. Der Soldat zum Beispiel. Wohl das, was man eine normale Jugend nennt, im Baltikum oder in Brandenburg. Langeweile, Mädchen anstarren, Schläge vom Vater, ein bisschen zu früh und ein bisschen zu viel Alkohol. Die Armee, vielleicht eine gute Idee. Soziale Absicherung, und das Training für den Einsatz im Irak. Solche Geschichten sind das.

Der Regisseur Alvis Hermanis, so etwas wie ein Star der europäischen Festivalszene, hat sie gesammelt. Seine Schauspieler haben mit Leuten geredet, einen Monat lang. Daraus wurden Monologe, Einakter des Alltags. Auf den drei Bühnen des Hebbel am Ufer waren sie zu erleben, nur an diesem Wochenende. Erzählungen, die an das „Last and Lost“-Projekt der europäischen Schriftsteller erinnern – und an die „X-Wohnungen“ des HAU.

Der Soldat, trotz allem, hat keine schlechte Laune. Nach ihm die Taxifahrerin, Ende vierzig. Hat einen Fahrgast, der mit Geldscheinen herumwedelt, eine Anhalterin ins Taxi einlädt und sich eine schnelle Nummer kauft. Runter mit dem Hintern, ruft die Taxifahrerin im hauptstädtischen Verkehr von Riga. Ihren Mann hat sie verloren. Er starb, vom Schlag getroffen, bei einer Hochzeitsfeier, mitten im Sommer. Und man sieht jetzt das Video, in echt. Das Hochzeitspaar. Den Traualtar. Die Blumen. Den Schnaps. All die schick angezogenen Leute. Und dann fällt der Mann um. Wiederbelebungsversuche zwecklos. Die Feier geht weiter. Man sieht den Mann sterben. Wie hält man das aus?

Zwei Jungs erzählen, nächste Szene, wie sie in einem Weihnachtsmärchen gespielt haben. Den Fuchs und den Hasen. Alle kriegen Geschenke, die beiden Jungs aus dem Kinderheim gehen leer aus. Herzlich komisch. „Lettische Geschichten“, die vorbeirauschen. Und die man nicht vergisst. Die Stripperin. Die Arbeiterin auf eine Hühnerfarm. Theater, das Persönlichkeit vor Prätention stellt. Eine Rarität.

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