Kultur : Taxi nach Transnistrien

Albtraum Europas: Andrzej Stasiuk bereist Länder zwischen Ostsee und Schwarzem Meer

Jaroslaw Piwowarski

Für sein neues Buch „Unterwegs nach Babadag“ wurde Andrzej Stasiuk der NIKE-Preis, die wichtigste polnische Literaturauszeichnung, verliehen. Vierzehn literarische Reisebeschreibungen sind darin versammelt, poetische Impressionen von den Rändern Europas. Innerhalb von sieben Jahren ist Stasiuk, der morgen in Berlin im Rahmen des „Last & Lost“-Festivals auftritt, von seinem Wohnort in den polnischen Karpaten immer wieder aufgebrochen. Die Reisen führten ihn in die Slowakei, nach Ungarn und in die Ukraine. Er fuhr durch Rumänien bis ins Donau-Delta, in den Ort Babadag. Er reiste nach Moldawien und gelangte von dort mit einem Taxi nach Transnistrien, einem Staat, der sich offiziell noch als Teil der aufgelösten Sowjetunion betrachtet – eine postkommunistische Kuriosität. Einen Höhepunkt bilden Stasiuks Streifzüge durch Albanien. Mit den Worten „Welcome in bloody country“ wird er in Tirana von einem Freund begrüßt. Nicht lang ist es her, da flackerten die Bilder flüchtender Albaner über die Fernsehschirme, „als wollte das gesamte Land vor sich selbst fliehen“. Albanien, schreibt Stasiuk, „ist das Unbewusste“ Europas, „die Angst, die nachts“ die Metropolen des Westens heimsucht.

167 Stempel haben Stasiuk diese Reisen in seinem Pass eingebracht. Zwar hat er um die 200 Mal eine Grenze passiert, doch manche Grenzbeamten waren einfach zu faul, einen Stempel in seinen Pass zu drücken. Trotz der permanenten Ortswechsel bietet sich Stasiuk immer wieder dasselbe Bild: Ortschaften, Dörfer, deren Namen man in mindestens drei Sprachen sagen kann, weil die Geschichte die Grenzen mal hier, mal dort hinwehte. Und mit ihnen die Menschen. In Moldawien besucht er das autonome Gebiet Gagausien. Er stößt auf rumänisierte Deutsche, polonisierte Ukrainer und immer wieder auf Zigeuner. Zahlreich sind die Einflüsse, die diesem Teil Europas ihren Stempel aufgedrückt haben: das Osmanische Reich, die Donaumonarchie, der Ostblock, der Kapitalismus. Die Prägungen sind noch zu sehen, man hat sie stellenweise regelrecht in die Landschaft gesetzt, wie die 600 000 kuppelartigen Bunkeranlagen in Albanien, in Beton gegossene Paranoia der Enver-Hoxha-Zeit.

Stasiuks Reisen folgen keiner festgelegten Route. Er lässt sich treiben, wandert „den Weg der billigsten Tabakprodukte entlang“. Er meidet große Städte, abgelegene Orte ziehen ihn an, in die der Zauber von Reklametafeln noch nicht Einzug gehalten hat. Diese Orte sind auf Landkarten nicht immer aufzufinden. Die Einheimischen, denen Stasiuk begegnet, reagieren mit belustigter Irritation auf den Fremden.

Was sucht so einer? Alles begann mit der Fotografie eines blinden Geigers auf einer Landstraße, begleitet von einem barfüßigen Jungen. Die Szene wurde von André Kertész 1921 in dem ungarischen Städtchen Abony festgehalten. Der beiläufig fotografierte Augenblick übte auf Stasiuk eine faszinierende Wirkung aus: „Wohin ich auch fahre, überall bin ich auf der Suche nach seinen dreidimensionalen, farbigen Versionen, und oft meine ich sie gefunden zu haben. Alle meine Reisen dienen nur dem Zweck, irgendwann den versteckten Zugang zu seinem Innern zu finden.“

Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag. Aus dem Poln. von Renate Schmidgall. Suhrkamp, Frankfurt / Main 2005. 300 S., 22,80 €. Der Autor liest und diskutiert am 26. 3. um 19.30 Uhr im Rahmen des Festivals „Last & Lost“ in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg- Platz.

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