Kultur : taz-Kongress: Lasst tausend Fragen blühen!

Jörg Plath

Am Samstag, dem zweiten Tag des Kongresses, vernachlässigte der Berichterstatter seine Pflicht. Während er bei einer Bierflasche Trost suchte, begannen drei Veranstaltungen ohne ihn. Auf deren drängende Fragen "Was ist uns Versöhnung wert?", "Wie wollen wir lernen?" und "Gibt es noch eine homosexuelle Identität?" wusste er derzeit nur eine einzige, nicht druckfähige Antwort. Also erquickte er sich in der Cafeteria des Hauses am Köllnischen Park an der gänzlich holzverkleideten Schmalwand, in deren rechteckiger Aussparung Geschirr und Flaschen auf einem Förderband abwechslungsreich gestapelt waren. Ein in seiner Ruhe schönes, an die Inszenierungen von Christoph Marthaler erinnerndes Bild.

Mit einem Mal setzte sich die Installation in Bewegung, auf einen rechteckigen Schlund zu. Dahinter lag zweifellos das Reich des Küchenchefs - und die Wirklichkeit. Plötzlich fröstelte den Berichterstatter. Noch bevor die letzte Flasche im Orkus verschwunden war, trat er durch die Glastür wieder in die Kongresswärme ein. Hier kam bestimmt nichts abhanden, hier waren gut dreißig Jahre Ideen- und politische Geschichte beisammen.

"Auf nach Berlin!" hatte die Berliner "taz" zu ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag am 17. April gerufen und eingeladen zum Kongress "Wie wollen wir leben?" am vergangenen Wochenende. Habt ihr es nicht ein bisschen kleiner, ließe sich ein Kanzlerwort variieren, klingen darin doch Kants Fragen nach: "Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?"

Nein, sagte die taz-Chefredakteurin Bascha Mika zur Eröffnung, denn ob Kant oder taz, immer ginge es um eine "Haltung des Suchens". So sieht die Postutopie aus: Die Haltung ist alles, das Ziel wird sich zeigen. Vermutlich jedenfalls.

Allerdings formuliert die taz ihre Orientierungslosigkeit ein wenig hedonistischer als der Königsberger Philosoph, und sie weiß eine Antwort a priori. Als das Allgemeine und Notwendige gilt ihr das eigene Produkt. Die erste Antwort auf die Frage "Wie wollen wir leben?" lautet nämlich: Mit der taz! Die chronisch defizitäre Lehranstalt für die bürgerlichen Zeitungen hatte ihre Leser Monate lang drangsaliert, Abonnenten zu werden. Sonst drohe die Einstellung: "taz muss sein". Die angestreben 50 000 Abonnements wurden nur um 1863 verfehlt, und nun gilt bis zum nächsten Hilferuf: taz soll sein.

Leitfragen, durchbuchstabiert

Der Kongress, der dieses Jahr erstmals die sonst übliche große Party ersetzte, feierte neben dem Geburtstag das Ende der Abo-Kampagne und fragte insgeheim: Was darf die taz sein? In mehr als 40 Veranstaltungen mit viel grüner Prominenz buchstabierte beinahe jedes Ressort die Leitfrage "Wie sollen wir leben?" auf seine Weise. Allein die "Leibesübungen" hatten sich offenbar auf die faule Haut gelegt. Das Programm stellten die Angestellten neben der täglichen Zeitungsproduktion in nur drei Monaten auf die Beine, alle Referenten traten kostenlos auf. Sollte es die taz einmal nicht mehr geben, muss einem um diese Truppe sicher nicht bange sein.

Die Maschinerie funktionierte wie geölt. Es gab keine Stinkbombe wie vor zwei Jahren auf der Party zum 20., niemand stürmte die Säle mit Megafonen und trieb die Massen zum Straßenkampf. Statt dessen stellte ein stadtbekanntes Grünenmitglied sein kleines Protestschild zum Verbot der 1. Mai-Demonstration an die Wand, um sich artig in die Rednerschlange einzureihen, und "Oliver vom Asta der FU" wartete mit demselben Anliegen bis zum Ende der Veranstaltung. Zwar hatten Zuhörer schon bei der Eröffnungsveranstaltung lautstark das Wort gefordert. Aber über das Saalmikrofon wurde dann meist nur geschimpft, es wurden Verschwörungstheorien geäußert und alte Glaubenssätze verteidigt. Die Bundesrepublik sei keine Demokratie, der 1. Mai keine "Berlin-Folklore", Volker Beck wegen seiner Zustimmung zum Nato-Einsatz in Serbien ein "Kriegstreiber" und Marianne Birthlers Weigerung, die Leiden der DDR-Opfer geringer zu achten als die der NS-Opfer, eine "Verhöhnung der jüdischen Toten".

Wie sanft boten sich da grün-alternative Restbestände dar. Ein junger Mann pries mit Blick auf einen Indianerstamm und nicht etwa die Riester-Rente die "Weisheit kleiner Völker", ein etwas älterer lobte deren Verfahren, den Müll einfach wieder der Natur zurückzugeben. Das Publikum räkelte sich und blieb still. So nahmen die Talkshows, von taz-Redakteuren und -Redakteurinnen mal moderiert, mal hilflos beobachtet, ihren Lauf. Nach zwei Stunden war ja Schluss, dann gab es was Neues, das auch sehr interessant klang.

Zum Beispiel die Veranstaltung im Salon mit den lila Stühlen, wo Schwule und Lesben einander gegenseitig ihre aus der Minderheitenposition geborene Sensibilität bestätigten. Oder die Pirouetten und Ad-hoc-Kolumnen, die Viola Roggenkamp, Kerstin Decker, Klaus Kreimeier, Friedrich Küppersbusch und Michael Rutschky zu der von Walter Leisler Kiep wiedergefundenen eine Million Mark einfielen: Keep, sagte Küppersbuch, komme doch von behalten.

Oder die zunehmend gelöste Wein- und Käseprobe, die das Ressort "Sättigungsbeilage" in einem kleinen Seminarraum veranstaltete. Oder die Veranstaltung mit Monika Frommel, auf der ein Mann seine gepflegten, fleischigen Füße von Schuh und Socken befreite, während die Juristendekanin an der Universität Kiel auf gewinnend optimistische Weise über philosophische Probleme des Strafrechts plauderte.

Die Kinder von 68

Mehr als 1500 Menschen ließen sich unterhalten - und auch belehren. Denn die auf beinahe jedem Podium und an jedem Tisch präsente grüne Parteiprominenz von Renate Künst über Claudia Roth bis zu Christian Ströbele wandte sich immer wieder an die werte Wählerschaft und ermahnte, nun auch mitzuziehen - etwa beim ökologischen Einkauf, der auf das scheibchenweise Schlachtefest folgen müsse, das die Landwirtschaftsministerin Künast in der Agrarwelt anrichten will. Unversehens glitt so das "Schweinesystem" aus der Metaphorik in die Realität. Noch deutlicher sagte es ein anderer Grüner: Wir alle bildeten diesen Staat, beiseitestehen gelte nicht mehr.

Ganz ähnliches war interessanterweise auf der Veranstaltung zur jugendlichen Gegenkultur zu hören, auf der die ansonsten seltene Spezies der unter Dreißigjährigen vertreten war. Flyer-Herausgeber Marc Wohlrabe und Plattenproduzent Patrick Wagner versicherten, den Auftrag eines Konzerns, der Kindersklaven beschäftigt, nicht ablehnen zu wollen: "Wir können uns Widerstand ökonomisch noch nicht leisten", sagte Wagner, und auch Wohlrabe würde ihn nur mit Unterstützung von vielen wagen wollen. Diese Gegenkulturellen möchten erst als Hegemoniale politisch handeln. Ist das hier ein Firmengründerseminar?, fragte jemand sehr ruhig.

Die "Haltung des Suchens" ist anstrengend. Spürbar wuchs auf dem Kongress die Sehnsucht nach vertrauten Koordinaten und brach sich dann in der Veranstaltung "Generationenfrage" Bahn. Dort präsentierten die "Kinder von 68" sich als heiteres Potpourri: Bassist Ted Geier lobte das Molli-Schmeißen in Davos, Benjamin Karsunke das Weinhändlerdasein und die Journalistin Bettina Röhl ihre Attacken gegen den Steinewerfer Joschka Fischer. Wie diese jungen Menschen denn den "Staffelstab ihrer Generation" übernehmen wollten, fragte Anne Klein - ein aparter Metapherngebrauch, der gut mit ihrem einst abrupten Ende als grüne Senatorin wegen einer Kettenbriefaffäre harmonierte. Immerhin kam Stimmung auf.

Kein Rahmen wäre dieser unübersichtlichen Lage angemessener gewesen als das Haus am Köllnischen Park. Die einstige Parteihochschule der SED, seit Jahren im Besitz des Managements und behutsam rekonstruiert, besitzt den Charme der 70er Jahre: die weichen, orange bezogenen Sitze, die allgegenwärtige braune Holzverschalung, die quadratisch gelöcherten Deckenplatten. Was einst nicht mehr in den Palast der Republik passte, leuchtet seitdem im Plattenbau am Köllnischen Park von der Decke. Mögen die Systeme auch wechseln, Kurt Hagers Lampenladen bleibt. Ebenso wie die "Haltung des Suchens".

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