Kultur : "Teatro del mundo": Wallfahrt zum großen Welttheater

Christoph Funke

Keine Antworten, die Fragen bleiben. Dem Flehen um Trost, Auskunft, Gewissheit antwortet nur Schweigen: Der Schweizer Erzähler und Dramatiker Thomas Hürlimann hat "Das große Welttheater" (El gran teatro del mundo) von Calderón de la Barca aus dem Jahr 1645 in die Konflikte unserer Zeit gestürzt, voller Unruhe, mit Heiterkeit auch, mit der strengen Verweigerung einer Botschaft. Er lässt in seinem neuen "Einsiedler Welttheater" die stellvertretend für alle Menschen angetretenen Spielfiguren erfolglos suchen nach ihrem Wesen, nach einem Ziel. Gott gibt keine Auskunft mehr. Hürlimann setzt den Autor Calderón als Schöpfer und Regisseur ein: Theater schafft Leben, Leben ist Theater. Der Regisseur in Einsiedeln heißt Volker Hesse: lange Jahre Direktor des Zürcher Neumarkt-Theaters, ab 2001 Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin.

Das erhabene dreistufige Gefüge der 1641 in Valencia zum ersten Mal aufgeführten spanischen Dichtung - Gott, Welt, Menschen - gibt es nicht mehr. Zwar wird der große Sternenmantel ausgebreitet, aber "Die Welt" ist ein dralles Weib, ein deftiger Clown, mit unverschämter Hingabe an die Derbheiten eines niederen Seins. Sie entzieht sich dem weisen, strengen, in der Sprache des Originals edel deklamierenden Dichter, und auch die anderen Figuren stehen am Ende gegen Calderón auf. Der König und der Reiche, die Schöne und der Bauer, die kluge Frau und die Elende sind ihren Weg gegangen - und ratlos.

Das neue Spiel ist, wie der Titel verrät, für den schweizerischen Wallfahrtsort Einsiedeln geschrieben. Dieses Dorf, schon städtisch anmutend, anmutig gebaut, liegt in einem Voralpenhochtal zwischen dem Zürichsee und dem Vierwaldstätter See und hat eine lange Laienspieltradition. Schon im zwölften Jahrhundert traten Wanderkomödianten auf; seit 1924 gibt es dort, vor der weitschwingenden Fassade der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer heutigen Gestalt fertig gestellten barocken Klosterkirche, Aufführungen des Calderónschen "Welttheaters" in der Übersetzung Joseph von Eichendorffs. Die Benediktinerabtei mit ihren mächtigen Türmen birgt das holzgeschnitzte Gnadenbild der "Schwarzen Muttergottes" aus dem 15. Jahrhundert. Der halbkreisförmig geschwungene Platz mit den zur Klosterkirche hochführenden Treppen nahm das "Welttheater" in grandioser Weise auf - es wurde dort nach dem ersten Versuch von 1924 in einem allerdings nicht immer eingehaltenen Rhythmus von fünf Jahren gespielt. Ausschließlich von Laien, Bewohnern des Dorfes und der Umgebung - ein Schweizer Oberammergau.

Sinkende Zuschauerzahlen aber, das letzte "Welttheater" gab es 1992, zwangen zur Überlegungpause. Konnte die Tradition gewahrt und erneuert werden? Die "Welttheater Gesellschaft" von Einsiedeln ließ sich auf ein Wagnis ein. Die schönheitstrunkene, romantisch verklärende Eichendorffsche Fassung mit ihrer naiven Gläubigkeit sollte durch eine strenge, eigenwillige Bearbeitung ersetzt werden. Thomas Hürlimann, 1950 in Zug geboren und mit der Einsiedler Landschaft und Mentalität vertraut, wurde als einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller für diesen Versuch gewonnen. Er entwickelte sein "Welttheater" in Zusammenarbeit mit Regisseur Volker Hesse.

In sieben Viertelstunden zieht in Hürlimanns von kurzen, sich oft derb reimenden Versen getragener Dichtung das dramatische Geschehen vorüber. Auf die Verteilung der Rollen folgen "Frühling", "Sommer", "Herbst" und"Winter". In der vierten Viertelstunde gibt es eine Erinnerung an die Pestzeit, die siebte Viertelstunde, "Schluss", bringt die Abrechnung über Leben und Schicksale zwischen Geburt und Tod. Hürlimann schreibt die spanische Dichtung derart in den Schweizer Alltag hinein, dass sich große, noch immer auch religiöse Sinnsuche in aufregender Weise mit der Banalität einer heutigen Wirklichkeit reibt. Der König hält rechtslastige, nationalistische Reden, der Reiche Mann vermarktet den Ortsheiligen, die Elende mit dem Kopftuch und der anderen Religion wird vertrieben, der Bauer verliert seinen Hof, die Kluge, eine Ärztin, verzweifelt an ihrem Beruf.

Sie ist es, die am Ende des dritten Bildes ausruft: "Gott ist tot." Diese Klage wird zum Zündstoff der Aufführung. Die Mönche des Klosters - immerhin spielt Pater Kassian Etter die Rolle Calderóns, des Autors - verstehen sie offenbar als die vielleicht eindringlichste Suche nach Gott. Sie nehmen hin, dass die Pestkranken in Hürlimanns Stück mit letzter Kraft auf das Portal der Kirche zukriechen, Einlass begehrend, Trost suchen - und ohne göttlichen Beistand bleiben. Die Schweizer Mönche bekennen sich damit zu einer Welt voller Leiden, weil für sie auch das Furchtbare eine letztendlich grandiose Schöpfung nicht vergessen macht. Autor und Regisseur aber sind auf das Verborgene dieser seltsamen Schöpfung aus. Hürlimann schreibt: "Wer oder was Gott ist - wir wissen es nicht. Aber während des ganzen Spiels schaut das Publikum auf das Kloster, das sich mit seinen Türmen über den Platz erhebt. Sie verweisen auf das Geheimnis."

Wie sehr die Klosterleute dieses neue Welttheater beschäftigt, war aus der Kanzel-Verkündigung zur Messe der löblichen Zünfte bereits am Tag nach der Premiere herauszuhören. "Wir glauben, dass Gott lebt!", rief der Prediger in der Klosterkirche. Aber er erkannte den Versuch der Komödianten an, das Kreuz fast schon blasphemisch, narrenhaft aufzurichten, in anderer Art also, als es die Mönche tun. Und welche Antwort gibt die Aufführung? Volker Hesse, der im nächsten Jahr die Leitung des Berliner Maxim Gorki Theaters übernimmt, ist es gelungen, mit etwa 300 Laienspielern fabulöse Bilder zu finden. Er vollzieht eine Weltenschöpfung mit überbordender Sinnlichkeit. Aus dem Hauptportal quellen inmitten des schwarz gekleideten Chors der Männer und Frauen Wesen und Gestalten der unterschiedlichsten Art, Heilige, Engel, Ungeheuer. Von Viertelstunde zu Viertelstunde nimmt der Platz andere Geschichten, andere Figuren auf; er wird von Leben durchströmt im fröhlich beginnenden, bedenklich endenden Tanz der ihre Kinderwagen schiebenden Mütter. Man fällt ins Entsetzen der Pestzeit mit den zum Portal strebenden erschöpften Büßern und Pilgern, nimmt den Pop-Rausch und die Showbusiness-Strategien von heute ebenso wie Verlogenheit populistisch auftrumpfender Politiker wahr.

Das hat immer Kraft, Zorn und Souveränität. Hesse weiß ironische Brechungen einzubauen, etwa im anmutig hüpfenden Chor der Nonnen. Er verzichtet weder auf Humor noch auf tiefen Ernst oder den großen Schreck, wenn die sechs Figuren plötzlich ihrem eigenen Alter begegnen, der anderen, verfallenen Gestalt, zu der sie geworden sind. Er entwirft Lebensbilder, herausfordernd und kompromisslos, geht aggressiv gegen einen süßlich verkitschten Katholizismus vor, stützt sich dabei auf Naivität und Spielfreude seines riesigen Ensembles.

In Einsiedeln tritt fast der ganze Ort auf: Familien, Zünfte, Vereine, Chöre, Musiker. Der Wirt vom Zunfthaus "Bären" ist dabei, im Pest-Bild. Werner Hübscher kann sein gastliches Lokal nur für kurze Zeit verlassen - aber in der vierten Viertelstunde spielt er mit, um von Touristen und Welttheater-Wallfahrern nicht nur etwas zu nehmen, sondern ihnen auch zu geben - eine Haltung, die typisch ist für alle Mitwirkenden. Und von denen wird viel verlangt - wochenlange Proben ohne Entgelt, sprachliche und choreografische Schulung, harter körperlicher Einsatz auf rauem Kopfsteinpflaster.

Hürlimann hat Teile des Textes im örtlichen Dialekt geschrieben: Das ist für auswärtige Besucher schwer zu verstehen, sichert dem Spiel aber seinen volkstümlichen Charakter - und die Kunst dieser Aufführung teilt sich ohnehin jedem mit.

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