Kultur : Technik, Bühnen und sogar der Aufsichtsrat des Londoner Opernhauses sind neu

Jörg von Uthmann

Heute abend ist es endlich so weit. Das Royal Opera House öffnet wieder seine Pforten - mit einem gemischten Programm von gesungenen und getanzten Leckerbissen, das den Ehrengast, die Königin, nicht überfordert. Zwei Jahre lang war das Haus am Covent Garden geschlossen. Im ersten Jahr versuchten Oper und Ballett an anderen Spielorten weiterzumachen wie bisher. Doch das Publikum blieb aus. Um das Defizit nicht noch weiter aufzublähen, wurde der Spielbetrieb Anfang dieses Jahres ganz eingestellt. Das spricht nicht gerade für ein solides Management, und in der Tat war das Tohuwabohu hinter den Kulissen legendär. In den letzten beiden Jahren hat das Covent Garden nicht weniger als vier Verwaltungsdirektoren verschlissen. Im November 1997 kündigte die damalige Platzhalterin an, man stehe "24 Stunden vor dem Bankrott". Die Geldspritze einer Mäzenin rief den Moribundus ins Leben zurück. Im Monat darauf bescheinigte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss dem Management Inkompetenz und Arroganz, worauf der Aufsichtsrat geschlossen zurücktrat.

Der neue Aufsichtsrat zog sofort andere Saiten auf. Sein Vorsitzender, Sir Colin Southgate, der zugleich Boss des Schallplattenkonzerns EI ist, drohte, die Wiedereröffnung des Stammhauses platzen zu lassen, sollten sich die Gewerkschaften einer Durchforstung des Dschungels von Sonderprämien und Zuschlägen weiter widersetzen. Das wirkte: Die Mitglieder des Orchesters werden künftig nur noch 40 Wochen im Jahr beschäftigt und nach tatsächlich geleisteter Arbeit bezahlt. Auch das Bühnenpersonal hat Kürzungen akzeptiert. Es wird seinen Arbeitsrhythmus dem Spielbetrieb anpassen: Überstunden-, Sonntags- und Medienzulagen wird es nicht mehr geben.

Die Finanzierungslücke ist damit freilich noch nicht geschlossen. Zwar hat die Nationallotterie für die Renovierung und Erweiterung des Hauses 78 Millionen Pfund (234 Millionen Mark) spendiert und der Arts Council eine Erhöhung des jährlichen Zuschusses auf 20 Millionen Pfund (60 Millionen Mark) versprochen. Doch dieser Zuschuss wird nicht einmal die Hälfte der Kosten decken - zumal Kulturminister Smith, der die Ressentiments seiner Partei gegen die musikalischen Extravaganzen der upper crust nur allzu gut kennt, auf einer Senkung der Eintrittspreise bestand. Der neue Aufsichtsrat musste sich verpflichten, bei privaten Wohltätern weitere 100 Millionen Pfund (300 Millionen Mark) aufzutreiben. Den Mann, der diesen Kraftakt vollbringen sollte, importierte man aus Amerika: Im November 1998 wurde der Manager des American Ballet Theater, Michael Kaiser, zum neuen Verwaltungsdirektor gekürt. Der 44-jährige New Yorker hatte das ehrwürdige, aber notleidende Ensemble aus tiefroten Zahlen in lachsfarbene Gefilde überführt. Auch in London scheint er auf dem richtigen Wege: Die 100 Millionen Pfund hat er, wie er stolz-bescheiden durchblicken lässt, so gut wie in der Tasche. Allein 10 Millionen steuerte der amerikanische Opernfan Alberto Vilar bei, dessen milde Gaben auch von der Met und den Salzburger Festspielen dankbar eingestrichen werden: Ihm zu Ehren wurde das Prunkstück des Erweiterungsbaus, der 1956 abgebrannte, als Wandelhalle rekonstruierte Blumenmarkt, Vilar Floral Hall getauft. Kaiser ist derzeit mit dem Aufbau einer Stiftung beschäftigt, aus deren Erträgen ein Teil der Betriebskosten gedeckt werden soll.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Umbau wurde nicht nur zum vorgesehenen Zeitpunkt fertig, auch der Kostenvoranschlag wurde eingehalten. Der auf das Zweieinhalbfache seiner bisherigen Fläche angewachsene Komplex fasst zum ersten Mal sämtliche Funktionen unter einem Dach zusammen. Statt sich wie bisher in einem neun U-Bahn-Stationen entfernten Ausweichquartier auf den Ernstfall vorzubereiten, verfügt das Royal Ballet jetzt über drei stattliche Probenräume. Auf Nebenbühnen kann ein halbes Dutzend Bühnenbilder fix und fertig aufgebaut und durch Knopfdruck auf die Hauptbühne befördert werden. Für intimere Werke und pädagogische Programme gibt es ein Studiotheater mit 420 Plätzen. Auf die Pädagogik legt Minister Smith, mit Blick auf seine amusischen Parteigenossen, ebenso Wert wie darauf, dass mindestens 20 Prozent der Plätze im freien Verkauf erhältlich sind. Nicht nur die Floral Hall, sondern auch mehrere Restaurants und Bars werden dafür sorgen, dass die drangvolle Enge im ehrwürdigen Crush Room - von crush (zerquetschen) - der Vergangenheit angehört. Das Auditorium wurde in den alten Farben Rot, Beige und Gold aufgefrischt, die Zahl der Plätze leicht erhöht (von 2101 auf 2157). Daran, dass die Sicht von vielen Plätzen schlecht ist, konnten auch die Restauratoren nichts ändern.

Es ist nicht das geringste Verdienst des neuen Komplexes, dass er sich harmonisch in die Nachbarschaft einfügt. Das Architektentrio Jeremy Dixon, Edward Jones und Charles Broughton wollte nicht mit einem egozentrischen Statement auftrumpfen, sondern sich so diskret wie möglich an das Bestehende anschmiegen. Dem alten Markt von Covent Garden wendet sich das neue Opernhaus mit einer klassizistischen Ladenkolonnade zu, die die Reihe der übrigen Geschäfte auf die natürlichste Weise fortsetzt.

Natürlich sind noch nicht alle Probleme gelöst. Ein stillgelegtes Opernhaus wieder flottzumachen, ist eine gefahrvolle Sache. Die zweite Premiere, Ligetis "Grand Macabre", wurde abgesagt, da das technische Personal mit den neuen Computern nicht zu Rande kam. Die erste Neuinszenierung wird "Falstaff" sein. Auch sie sollte ins Wasser fallen. Doch dann drohte Bernard Haitink, Musikdirektor des Hauses, mit seinem Rücktritt. So wird der dicke Ritter am St. Nikolaustag in den Waschkorb steigen.

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