Kultur : Techno-Duo Rechenzentrum: Ich bin mein eigener Club - Beats für Fortgeschrittene

Eric Mandel

In den Gründerzeiten des heutigen Mitte-Nachtlebens, bevor die Innenausstattungen der Clubs Unsummen verschlangen, hieß das Gebot: Mobilität. An diese Zeiten erinnert der eben erschienene Club im Taschenformat. Systemvorraussetzungen sind ein Hi-Fi- und ein Video-System, ein paar Freunde und Bekannte können auch nicht schaden. Die Rede ist von der ersten langformatigen Veröffentlichung des Berliner Duos Rechenzentrum. Die strenge Teilung in einen visuellen und einen musikalischen Flügel erfordert ungewöhnliche Vertriebsmethoden: Der gerade erschienenen CD (Kitty-Yo/EfA) ist ein Gutschein beigefügt. Die ersten 1000 Einsender werden mit dem dazugehörigen VHS-Band beliefert. Das riecht nach Kunst und darf es auch. Denn Rechenzentrum, namentlich der Video-Künstler Lillevän und der musikalisch und organisatorisch seit Jahren umtriebige Produzent Marc Weiser, wenden sich an Leute, die eine gewisse geistige Weiterentwicklung, sogar Reife, nicht als Widerspruch zur Clubkultur begreifen. Grundlage sind mit viel Aufmerksamkeit für Details verfertigte Beats, die sparsam eingesetzten Sounds verweisen zunächst auf nichts als ihre synthetischen Produktionsbedingungen und eine gewisse Nähe zu anderen Vertretern der Minimal-Techno-Ästhetik, wie Maurizio, Monolake oder Porter Ricks. Auch die Videos heben sich von jeder Rave-Ästhetik ab. Statt der notorischen Fahrten durch computeranimiert erweiterte Bewusstseinswelten, gibt es bis zur Unkenntlichkeit überarbeitetes Material aus der guten alten Glotze. Die Record Release Party findet in der Maria am Ostbahnhof statt, wo Marc Weiser als Programmgestalter seit längerem an seinem Projekt bastelt: dem Club zum Selber Denken.

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