Kultur : Teenies und Terror

Frank Noack

über die Angst, erwachsen zu werden Unser berühmtester Kameramann Michael Ballhaus hatte einen Onkel, der um ein Haar auch berühmt geworden wäre. Der Schauspieler Carl Balhaus – er schrieb sich mit einem „l“, weil das interessanter aussah – war bis 1933 ein viel beschäftigter Teeniestar und konnte Thomas Mann zu seinen Bewunderern zählen. Dann geriet er ins Abseits, zum Teil aus politischen Gründen, zum Teil, weil er auf die dreißig zuging und trotzdem nicht erwachsen werden wollte. Also wechselte er hinter die Kamera. Er inszenierte ein halbes Dutzend Filme für die DEFA; der interessanteste von ihnen hieß Ein Mädchen von 16 ½ und war eine Antwort auf die Halbstarkenfilme der kapitalistischen Länder. Die Titelheldin Helga (Nana Schwebs) ist nach dem Tod ihrer Eltern bei einer Tante aufgewachsen, gerät auf die schiefe Bahn, wird aber dann doch von der sozialistischen Gesellschaft aufgefangen (Freitag im Zeughaus-Kino).

Um Jugendliche geht es auch in Pasolinis letztem Film, aber herkömmliche Erziehungsmethoden werden hier grausam parodiert und pervertiert. Strenge Hausregeln müssen die von italienischen Faschisten entführten Jugendlichen einhalten, um Die 120 Tage von Sodom zu überstehen. Pasolinis De Sade-Adaption hat seit 1975 nichts von ihrer schockierenden, deprimierenden Wirkung eingebüßt. Radikal finsterer kann ein Blick auf eine Gesellschaft kaum sein. Wer sehr starke Nerven besitzt, mag am Rande dieser filmischen Erzählung ein wenig Humor und sogar Romantik entdecken (bis Mittwoch im Brotfabrik-Kino).

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