Tefaf-Messe in Maastricht : Tausend Jahre Kunstgeschichte

Die Tefaf in Maastricht bleibt mit über 270 Teilnehmern Europas bedeutendste Antiquitätenmesse - trotz Expansion nach New York.

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Zum Niederknien. Großer Buddha aus China. Preis: 1 Million Euro.
Zum Niederknien. Großer Buddha aus China. Preis: 1 Million Euro.Foto: Tefaf

Es ist Mittag. Die Dame in der Schlange am Eingang trägt ein bodenlanges Abendkleid. Das Haar hat sie kunstvoll hochgesteckt und betont so nicht zuletzt den teuren Schmuck an ihrem Hals. Kein Zweifel: Diese Türen führen in die Maastrichter Tefaf, Europas nach wie vor wichtigster Messe für Antiquitäten höchster Güte.

Weshalb man hier für den Eintritt vierzig Euro bezahlt, könnte ein Mann wie Jorge Welsh mit zwei, drei Sätzen ruckzuck erklären – wäre der Kunsthändler aus London während der exklusiven Eröffnung nicht ununterbrochen ins Gespräch vertieft. So sieht man sich allein um in der großen, mehrere Räume umfassenden Koje und staunt über die eigenartigen Motive des ausgestellten Porzellans. „Frieslandt“ prangt in feiner Schrift auf einem Teller, an seinen Rändern tänzeln zarte Frauen in Kimonos. Ein anderer zeigt den Botanischen Garten von Oxford als Miniatur, obwohl das dekorative Objekt eindeutig aus China stammt.

Jeder Stand ein Museum auf Zeit

Welsh hat sich auf asiatisches Porzellan des 15. bis 18. Jahrhunderts spezialisiert, das eigens für den europäischen Markt hergestellt wurde, im Auftrag mächtiger Adelshäuser und anderer Herrscher, die ihre Wappen oder Sehenswürdigkeiten aus der Heimat auf dem wertvollen Import verewigt sehen wollten. Von der ersten Idee bis zur Auslieferung vergingen Jahre, und manchmal starb der Auftraggeber, ohne sein teures Porzellan überhaupt gesehen zu haben. Jorge Welsh, seit drei Jahrzehnten auf dem Kunstmarkt, führt es dem Tefaf-Besucher nun in einer Qualität und Quantität vor, die seine Koje zum Museum auf Zeit macht. Ein Anspruch, den nahezu jeder Stand in Maastricht erfüllt.

Bei Dickinson (London/ New York) findet man einen weiblichen Doppelakt von Edvard Munch, der 2,4 Millionen Euro kosten soll. Thomas aus München hat ein großes Editionsobjekt von Max Ernst dabei – geschaffen nach einer Brunnenskulptur von 1967 und postum in einer Auflage von zwölf Exemplaren produziert, von denen sich einige in Museen wie dem Lenbachhaus oder dem Centre Pompidou befinden. Knapp eine Million Euro setzt die Galerie für die Metallskulptur „Le Grand Génie“ an.

270 Teilnehmer spiegeln über tausend Jahre Kunstgeschichte

Mehr als das Doppelte verlangt die niederländische Kunstgalerij Albricht für ein Bild von Vincent van Gogh (1883), das aus einer französischen Privatsammlung stammt. 2,8 Millionen Euro kostet das kleine „Stillleben mit Paletten“, das Max Beckmann 1944 in Amsterdam malte. Jetzt hängt es bei Andrea Caratsch aus St. Moritz.

Obwohl sich die Messe im vergangenen Jahr für eine Expansion nach New York entschieden hat und viele der Händler nun zweimal im Abstand weniger Monate erstklassige Objekte bereithalten müssen, hat die Güte in Maastricht nicht gelitten. Was die 270 Teilnehmer hier zusammentragen, spiegelt ein paar tausend Jahre Kunstgeschichte und reicht weit über Europa hinaus.

Stellvertretend dafür ist ein Buddha der frühen Ming-Dynastie am Stand von Vanderven – ein Prachtstück aus Holz und Gips, das mit seiner Größe von 180 Zentimetern und introvertierter Miene beeindruckt. Eine Million Euro verlangt der Spezialist für orientalische Kunst für diese Rarität aus dem 14. Jahrhundert.

Tribal Art ist gut vertreten

Vergleichsweise günstig wirkt dagegen die hölzerne „Hakenfigur“ am Stand von Bernard de Grunne (Brüssel). Ein Objekt aus Papua-Neuguinea, das knapp 90 Zentimeter misst und 350000 Euro kosten soll. Tribal Art ist generell auf der Tefaf gut vertreten, aber wie das Export-Porzellan von Welsh ein Sammelgebiet für Spezialisten. Was sie erschwinglicher macht als etwa ein frühes Bild von Piet Mondrian, dessen Heuhaufen von 1908 bei Haboldt & Co (New York/ Paris/ Amsterdam) für 775 000 Euro zu haben ist.

Einen Bruchteil davon verlangt die Berliner Galerie Ulrich Fiedler für ein Sideboard von Gerrit Rietveld. Ein wunderbares Zeugnis der Moderne aus Holz und Glas, wobei der niederländische Designer und Architekt vorwiegend industrielle Materialien verwendete. Das macht das Möbel so einfach wie raffiniert und begehrenswert.

Den schwächsten Part bietet die Kunst ab 1945

Vieles auf der Tefaf will entdeckt sein. Die zwei monumentalen Bronzefiguren am Stand des Bamberger Kunsthandels Senger etwa lassen sich erst mal nicht zuordnen. Bei Senger gibt es für gewöhnlich sakrale, mittelalterliche Kunst. Doch dann sieht man historische Fotografien aus dem Münchner Café Luitpold, dessen vier Säle Ende des 19. Jahrhunderts vor Pomp nur so barsten.

Den schwächsten Part bietet nach wie vor die Kunst ab 1945. Sieht man von Teilnehmern wie Bastian aus Berlin ab, wo man den Bogen von Cy Twombly bis Joseph Beuys spannt, gewinnt man einen zwiespältigen Eindruck. Sam Francis, das offenbart ein Blick in die Koje von Delaive aus Amsterdam, hat viel Dekoratives gemacht. In Kombination mit den objekthaften Pralinenbildern von Peter Anton tritt diese Facette des amerikanischen Abstrakten besonders krass zutage. Und wenn dann noch ein roter Punkt an den Pralinen klebt, bleibt Ratlosigkeit: Wer schaut in das überirdisch schöne Gesicht eines alten uralten Buddhas – und kauft dann Süssigkeiten?

Tefaf, MECC-Hallen, Maastricht, bis 19. März, www.tefaf.com

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