• Teile von Max Frischs „Berliner Journal“ veröffentlicht: Der faule Frieden von Friedenau

"Es wäre noch einiges zu sagen, o ja, sogar viel ..."

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Teile von Max Frischs „Berliner Journal“ veröffentlicht : Der faule Frieden von Friedenau
Ausflug zum Müggelsee. Max Frisch (stehend) mit Frau Marianne und Uwe Johnson, 1973.
Ausflug zum Müggelsee. Max Frisch (stehend) mit Frau Marianne und Uwe Johnson, 1973.Foto: Judith Macheiner/Max-Frisch-Archiv, Zürich

Die näheren Umstände referiert Strässle nicht einmal in Andeutungen – geschweige denn, dass er sie ausreichend reflektiert. Soweit Persönlichkeitsrechte infrage stehen, betreffen sie wohl vor allem Frischs Witwe Marianne – und ein Eheleben, in das schon kurz nach der Ankunft in Berlin die Entfremdung eingezogen war. Sie hatte ihn gut zehn Jahre zuvor von seinem Liebesdesaster mit Ingeborg Bachmann geheilt. Frischs Biografen Volker Weidermann und Volker Hage haben indes in Erfahrung gebracht, dass der für postume Frisch-Veröffentlichungen zuständige Stiftungsrat nicht einmal den Versuch unternommen hat, Marianne mehr abzuhandeln als den vorliegenden Text. Ein Versäumnis, das dadurch eine besondere Note erhält, dass Strässle Herausgeber und Stiftungsratsvorsitzender in einer Person ist.

Von einer substanziellen Ehekrise ist hier trotz mancher Ahnung jedenfalls nichts zu lesen. Es gibt alltägliche Differenzen und alltägliches Glück; ein einziges Mal fällt unvermittelt das Wort „Ehe-Ruine“. Musste der private Stoff, den Frisch verarbeitete, die geordnete Form schließlich sprengen, oder war das (mutmaßlich) Formlose das Ergebnis mangelnder Konzentration? Gab es Situationen, in denen dem stets so moderat melancholisch auftretenden Schriftsteller der stilsichere Kragen platzte und Gehässigkeit und Verzweiflung von ihm Besitz ergriffen? Soll womöglich das Bild eines Mannes geschützt werden, der gerne coram publico Gewissenserforschung trieb, hier jedoch mit Selbst- und Fremdbezichtigungen jedes Maß verlor? Um beurteilen zu können, wie tief Frisch das autobiografische Messer ansetzte, müsste man aus dem züchtigen Abstand des 21. Jahrhunderts tatsächlich durchs Schlüsselloch in der Sarrazinstraße spähen dürfen.

Die Amputation des größten Journalteils beschädigt nämlich sehr wohl ein allgemeines Erkenntnisinteresse. Denn schon im zweiten Heft schreibt Frisch: „Es wäre noch einiges zu sagen, o ja, sogar viel, aber es müsste sehr genau gesagt sein und einfach, d.h. ohne literarische Ambition; Flaschenpost.“ Genau dies übte er erstmals in seiner 1975 erschienenen Erzählung „Montauk“, die nur schwach fiktionalisiert von seiner Beziehung mit der amerikanischen Studentin Lynn alias Alice Locke-Carey erzählt.

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Frisch selbst, wenig zimperlich, hatte Marianne das Manuskript übrigens vor der Veröffentlichung in die Hand gedrückt. Eine Geste als Geständnis – und als Versuch, ihr im Namen eines Bravourstücks das Imprimatur zu entlocken. Welche advokatorisch abzuwägenden Rücksichten gelten demgegenüber heute?

Die Enttäuschung muss sich fürs Erste auch im Fall des „Berliner Journals“ mit einem literarischen Triumph trösten, der Stücke wie das folgende hervorgebracht hat. „Ein französischer Edelmann, der auf dem Weg zum Schafott noch um ein Papier bittet, um sich etwas zu notieren, und es wird ihm gewährt, man könnte die Notiz ja vernichten, wenn sie sich an irgendjemand richtet, aber das ist nicht der Fall; es war ganz und gar eine Notiz für ihn selbst, pro memoria.“ Man lese dies getrost als Auskunft in eigener Sache.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 235 Seiten, 20 €.

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