Telefongespräche mit Südossetien : "Von so viel Unglück übermannt"

Der Regisseur Peter Krüger arbeitete 2004/2005 an Theatern in Tschetschenien und Inguschetien, seitdem kennt er das Theaterensemble von Tschinwali, der Hauptstadt Südossetiens. Seit dem georgischen Angriff auf die Stadt telefoniert er täglich mit dem Intendanten und Kulturminister Tamerlan Dzudzow, der in den Kriegswirren nach seinen Schauspielern sucht Acht von 18 Ensemblemitgliedern hat er mittlerweile gefunden.

Peter Krüger
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Die bei den Kämpfen beschädigte Sankt-Georgs_Kirche in Tschinwali. -Foto:Tamerlan Dzudzow

Samstag, 16. August

Tamerlan ruft ungewöhnlich früh an. Erstmals kommt er mir zuvor und fragt, wie es mir geht. Ich erzähle kurz von meiner Drehbuchlesung am Freitag. Tamerlan: "Ich würde mich gerne wieder mal auf eine große Regiearbeit vorbereiten. Vor dem Krieg fraß mich der Ministerposten auf, jetzte renne ich mit Toten- und Vermisstenlisten umher, sorge für Bestattungen." Ich erzähle von ersten Telefonaten, die Hilfsgüter betreffend. Es ist nicht leicht, es sind noch Ferien in Berlin.

Tamerlan war heute bei seinen "Überlebenden", den in der Schule untergebrachten Schauspielern, die ein Lermontow-Programm zusammenstellen. Lermontow, er zitiert ihn am Telefon. "Kaukasien, du fernes Land / Der Freiheit armes Domizil / Von so viel Unglück übermannt; Von blutigen Kriegen allzu viel." Eine Schauspielerin hat in der Schule den Beginn von Lermontows Roman "Ein Held unserer Zeit" vorgetragen. Vor lauter Hass, sagt Tamerlan, vergessen wir oft, in welch wunderbarer Natur wir leben. Er will nicht weiterreden.

Ich frage nach den Aussichten für seinen Handyanschluss. Russische Techniker arbeiten an den Verteilern, vielleicht gibt es bald wieder regelmäßig Strom.

Zu Beginn von "Ein Held unserer Zeit" reist Petschorin mit dem Postfuhrwerk durch das Koyschauer Tal und erlebt ein prachtvolles Schauspiel. "Von allen Seiten unersteigliche Berge, rötliche Felsen, bedeckt mit langen grünen Efeuranken und gekrönt mit dichtem Ahorngebüsch; hier und da auf den Abhängen die gelben Spuren reißender Bergströme und dort, ganz in der Höhe, der goldene Saum der Schneeberge, und endlich tief unten im Thal die Aragua, welche, nachdem sie einen andern namenlosen Fluss in sich aufgenommen, dessen Wasser schäumend aus einer finstern, mit nebelartigen Dünsten erfüllten Schlucht hervorstürzen, wie ein Silberfaden sich hinzieht und schimmert wie das Schuppengewand einer Schlange." Der russische Dichter Michail Lermontow war 26, als er im Juli 1841 bei einem Duell im Kaukasus starb.

Sonntag, 17. August

Tamerlan ruft gegen 22.30 Uhr an. "Präsident Kokoity hat die südossetische Regierung wegen angeblicher Untätigkeit, Unfähigkeit und Korruption entlassen. Wen er neu ernennt, hat er noch nicht entschieden, er hat auch niemanden namentlich beschuldigt." Ein Bote hatte die Nachricht über die Entlassung der Regierung schriftlich überbracht. "Es ist Ausnahmezustand. Ich mache weiter. Hauptsache, ich finde die verschollenen Theaterkollegen und ich kann helfen, wo ich kann."

Vorsichtig frage ich, ob er die Vorwürfe des Präsidenten auch auf sich bezieht. Er antwortet mit einem scharfen Nein. Ab morgen soll Tamerlans Handy wieder funktionieren, sicherheitshalber gleichen wir die Nummer ab. Ich frage etwas ungeschickt direkt nach Kokoity, aber Tamerlan will die Entlassung der Regierung nicht weiter kommentieren. Er klingt aufgebracht. Er will versuchen, mit dem Präsdienten über humanitäre Hilfe auch aus Deutschland zu reden.

Montag, 18. August

Kokoity will ein Notstandskomitee zum Wiederaufbau von Tschinwali und Umgebung berufen, das aus „jungen, fleißigen Beamten“ besteht. Tamerlan war der Jüngste in der Regierung.

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