Tell Halaf : Wofür Agatha Christie schwärmte

Puzzlearbeit: Berlins Vorderasiatisches Museum hat die Schätze aus Tell Halaf rekonstruiert. Im Januar 2011 wird die Sammlung wieder gezeigt.

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Ein im Krieg zerstörtes und nun wieder restauriertes Doppelsitzbild.
Ein im Krieg zerstörtes und nun wieder restauriertes Doppelsitzbild.Foto: dpa

Die Zutaten für eine Sensationsgeschichte sind alle da. Eine Feuersbrunst zu Kriegszeiten, ein ungeborgener Schatz im Keller, jahrzehntelange Hoffnungslosigkeit, neuer Mut, Schweiß und Geduld. Über allem der Geist eines leidenschaftlichen Mannes, eines Bankierssohn, der sich erst im Alter wissenschaftlich mit Archäologie auseinandersetzte, aber schon im Jugendalter Märchen aus Tausendundeinernacht verschlang, Max von Oppenheim. Aber der Reihe nach.

Durch einen Zufall entdeckt Oppenheim 1899 auf dem Tell Halaf im heutigen Nordost-Syrien nahe der türkischen Grenze einen aramäischen Fürstensitz aus dem frühen ersten Jahrtausend vor Christus. Elf Jahre später beginnt er mit den Ausgrabungen der Zitadelle und des Westpalastes mit seinem monumentalen Säuleneinfang und den reich dekorierten Reliefplatten. Er bringt einen Teil der Funde nach Berlin und stellt sie in seinem eigenen Privatmuseum, einer umgebauten Maschinenhalle, in Charlottenburg aus. Im November 1943 schlägt eine Phosphorbombe der Alliierten im Tell-Halaf-Museum ein.

Heute weiß man, dass das eintretende Löschwasser die glühenden Basaltskulpturen in tausende Stücke zerbersten ließ. Oppenheim lagert den ganzen Trümmerhaufen in einem Keller des Pergamonmuseum ein und hofft auf eine Wiederauferstehung, auch wenn er in einem Brief an den damaligen Direktor der Vorderasiatischen Sammlung, Walter Andrae, einräumt, dass es sich dabei um eine „fürchterliche Arbeit“ handeln werde. In der Tat: Jahrzehntelang gelten die Bruchstücke als nicht rekonstruierbar. Deutschland wird geteilt und die Überreste geraten in Vergessenheit.

Und nun die Sensation. Nach neun Jahren ist die Arbeit vollbracht, der Schatz gehoben. Pünktlich zum 150. Geburtstag Oppenheims konnten 90 Prozent der steinernen Figuren wiederhergestellt werden. Eins der größten internationalen Restaurierungsprojekte geht zu Ende, wie das Team um die beiden Archäologen Lutz Martin und Nadja Cholidis am Donnerstag bekannt gegeben hat.

Im Januar 2011 soll die Tell-HalafSammlung erstmals nach fast 70 Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In der Schau „Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf“ im Nordflügel des Pergamonmuseums werden die Fassade des Fürstenpalastes mit seinen sechs Meter hohen Säulen, die Tierskulpturen, der Greif, der Skorpionenvogelmann und die große, weibliche Grabfigur mit den dicken Zöpfen zu sehen sein. Neben Erklärungen zum Restaurierungsprojekt und den seit 2006 wiederaufgenommenen Ausgrabungen in Syrien, wird es um Oppenheim und sein Privatmuseum gehen, das internationale illustre Gäste wie den irakischen König, Agatha Christie und ihren ArchäologenEhemann oder Samuel Beckett anzog.

Wer verstehen möchte, welche persönliche Leidenschaft den Hobby-Forscher antrieb, muss sich den Wochenschaubericht ansehen, in dem Oppenheim vor seiner geliebten „schönen Venus“ steht, und in schnarrendem Englisch mit hartem Akzent der Welt ihr schönes Lächeln preist. „Es wäre mir eine große Ehre sie hier begrüßen zu dürfen“, ruft er in die Kamera. Eigentlich wollte Oppenheim seine Schätze nach der Rückkehr in Berlin gleich auf der Museumsinsel präsentieren, doch es scheiterte an der Finanzierung. Ein Traum geht nun posthum mit Unterstützung des Familien-Bankhauses und der nach ihm benannten Stiftung sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Erfüllung.

27 000 Fragmente setzte das fünfköpfige Team in Handarbeit wieder zusammen. Kostengünstige und schnelle Computer-Software gab es zu Beginn der Restaurierungsarbeiten 2001 noch nicht. Zudem war nicht klar, ob es sich lohnen würde, jedes einzelne Stückchen einzuscannen und am Computer zu erfassen. Schließlich war man anfangs davon ausgegangen, nur das mächtige Portal des Palastes mit seinen sechs Meter hohen Säulen wiederaufbauen zu können.

Nun haben die Archäologen und Restauratoren aber rund 40 Skulpturen und Reliefplatten rekonstruiert, dazu kleine Vasen und Opfertischchen. Manche Schäden kann man nicht mehr reparieren, wie die schwarzen Flecken auf dem Doppelbildnis mit nebeneinandersitzenden Figuren. Sie stammen von der Dachpappe im Charlottenburger Museum, der Teer schmolz und tropfte auf die Skulpturen.

Wo fängt man bei so einem Trümmerberg an? „Wir orientierten uns erst einmal an den Oberflächen, an Mustern und Ornamenten“, sagt die Archäologin Cholidis. Stützen konnten sich die Wissenschaftler auf sehr gute historische Fotografien. Oppenheim pflegte professionelle Fotografen zu seinen Ausgrabungen mitzunehmen, die die Oberflächen der Figuren im Detail festhielten. Viele dieser Aufnahmen sind auch in die aufwendige, bilderreiche Publikation gewandert, die zum Abschluss nun erschienen ist. Ein über 650 Seiten starker Katalog, eine voller Stolz präsentierte Leistungsschau mit Übersichtskarten, Registern und auch für Laien verständlichen Texten („Tell Halaf. Im Krieg zerstörte Denkmäler und ihre Restaurierung“, 129,95 €).

Im Masterplan zur Umgestaltung der Museumsinsel haben die Götter des Tell Halaf ebenfalls ihren Platz gefunden. Der inzwischen verstorbene Architekt O.M. Ungers hatte die prachtvolle Fassade des Westpalasts in seinem Entwurf berücksichtigt. Sie wird in dem gläsernen Verbindungsbau, dem sogenannten vierten Flügel, zwischen Nord- und Südtrakt des Pergamonmuseums aufgestellt werden, als Ausstellungsstück und gleichzeitig als Eingang zum Vorderasiatischen Museum – voraussichtlich 2025.

Eine Zukunftsvision: Der Besucher geht dann an den drei kolossalen Säulen vorbei, dem Wettergott, seiner Frau und seinem Sohn, die jeweils auf zwei Löwen und einem Stier stehen, flankiert von zwei Sphinxen mit hübsch markanten Nasen. Mit dem Tell-Halaf-Schatz spiele das Vorderasiatische Museum endgültig wieder in einer Liga mit dem Louvre in Paris, dem British Museum in London und dem Metropolitan Museum in New York, sagt Beate Salje, Direktorin der Sammlung.

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