Kultur : Tempelhof is burning

Knud Kohr

"Guck mal!", ruft der Mittdreißiger mit dem Totenkopf-Shirt und der Fielmann-Brille, der den ganzen Abend lang alle Texte inbrünstig mitsingt: "Dahinten trägt einer Iro!" In der Tat: Durch den Zuschauerraum der Columbiahalle wühlt sich ein junger Mann. Seine Haare sind mit reichlich Spray zu jenem stacheligen Streifen nach oben geklebt, der im ersten Punkjahrzehnt so beliebt war. "Ist selten geworden", nickt der Mittdreißiger.

Am Sonnabend erreicht die "Auswärtsspiel"-Tour der Toten Hosen - anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Band - Berlin-Tempelhof. 20 Jahre Punk, noch dazu fast in Urbesetzung, das nötigt Respekt ab. Natürlich ist die Halle seit langem ausverkauft, natürlich sind die Hände des Publikums vom ersten bis zum letzten Stück oben. Bereits beim zweiten Stück - dem Zocker-Song "Liebesspieler" - springt Sänger Campino ins Publikum und wird jubelnd über den Köpfen durchgereicht. Es herrscht Stadionatmosphäre. Wenn man sich auf die von den Toten Hosen so geliebte Fußball-Analogien einlässt, dann stehen in der Fankurve, also den ersten Reihen vor der Bühne, die Besucher, die noch nicht geboren waren, als die Hosen am 29. April 1982 ihr erstes Konzert spielten. Weiter hinten, also quasi in der Gegengerade, wippen die 25- bis 50-jährigen, und in der Vip-Lounge sitzt Ben Becker.

Die Hosen spielen ein gutes Konzert an diesem Abend. Routiniert, mit sichtlichem Spaß auf der Bühne, ziehen sie Bilanz einer 20-jährigen Karriere: Auf "Opelgang" folgt "Alex", auf "Und die Jahre gehn ins Land..." folgt die aktuelle Single "Nur die Liebe zählt". Einige Coverversionen sind eingestreut, Punktitel aus den Siebzigern, aber überraschenderweise auch "Hang on, Snoopy", was das Superhit-Repertoire des Abends auf vier Jahrzehnte erweitert. Ab und an unterbricht Campino für Zwischenmoderationen, in denen er wahlweise Bayern München, Ulli Hoeneß oder Edmund Stoiber schilt oder den rheinischen Viertligisten Fortuna Düsseldorf preist. Politiker sind unsympathisch, und alles in allem kann man sich glücklich schätzen, nicht den Job des Kanzlers machen zu müssen.

Dieses weitgehend konsensfähige Rebellentum hat die Toten Hosen von Beginn an ausgezeichnet. Denn sie sind ja keine frühe Punkband: Als sie sich formierten, lagen die Anfänge des Punk in London schon einige Jahre zurück, und auch die erste Welle der deutschen Vertreter - Male, PVC, Mittagspause, Hans-a-Plast - hatte sich bereits aufgelöst. Zwar waren auch Teile der späteren Toten Hosen, die sich damals noch "ZK" nannten, bereits Teil der Bewegung. Doch damals wurden sie gerne beschimpft und von der Bühne gebuht, weil sie den "ernsthaften" Punks als zu albern und zu sehr am Entertainment interessiert schienen. Folgerichtig war es auch eher die Begeisterung für Fußball und Kampfsaufen, die das Image der Band bis heute am stärksten prägt. Und die Hosen pflegen diese Erwartungen sehr sorgfältig. Sicherlich taucht Campino regelmäßig in Talkshows auf, in denen auch über Politik geredet wird. Doch auf dem nächsten Album ist mit Sicherheit wieder ein Titel vom Kaliber "Zehn kleine Jägermeister" oder "Kein Alkohol ist auch keine Lösung", zu dem sich die Fans schulterklopfend die Biere in den Hals schütten können.

Dass Punk aber auch im Jahre 2002 noch etwas mit Wagemut zu tun haben kann, beweist der Sänger selbst während der letzten Zugaben des zweistündigen Konzerts: Plötzlich taucht er auf der Empore der Columbiahalle auf, um sich noch einmal in die Arme der Fans fallen zu lassen - diesmal fünf Meter tief. Doch kaum ist er wieder auf der Bühne, zeigt sich auch gleich wieder das große Problem, das Punk im Jahr 2002 hat: Die Band beendet ihren Gig mit "Das Wort zum Sonntag". Der Mittdreißiger mit der Fielmann-Brille stimmt zum letzten Mal ein: "Wir werden immer laut durchs Leben gehn, jeden Tag in jedem Ja-har!" Zumindest für ihn selbst ist das mit Sicherheit gelogen. Vor der Halle warten Leute vom Fernsehen. Der Junge mit dem Irokesenschnitt ist nirgends mehr zu sehen.

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