Temporäre Kunsthalle : Haste Töne

Endlich ein Coup für die Temporäre Kunsthalle: Karin Sanders „Audiotour“ – mit Klangstücken von 566 Berliner Künstlern.

Nicola Kuhn
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Stimmlein an der Wand. Kunsthallen-Besucher mit Audioguide. Foto: D. Spiekermann-Klaas

Karin Sander war für Widersprüchliches schon immer gut. Ihre „Gebrauchsbilder“ zeigen nichts als weiße Leinwände, auf denen Alltagsspuren zu sehen sind: Flecken, Risse, Fusseln und ein Klacks Spinat, den der Sprössling des Kunstbesitzers, hinter dessen Essplatz das Werk hing, hinterlassen hat. Die Banalität des Lebens hat sich in diese „Patina-Bilder“ eingeschrieben, und doch wird subtil ausjustiert, was Kunst ist, wo Autorschaft anfängt, aufhört, worin abstrakte Malerei eigentlich besteht.

Ein anderes Mal hat sich die aus dem nordrhein-westfälischen Bensberg stammende Künstlerin die Gattung Porträt vorgeknöpft. Ihre „Body scans“ lassen perfekte dreidimensionale Porträts im Maßstab 1:10 entstehen. Eine Maschine baut scheibchenweise Millimeter für Millimeter den Menschen nach; eine Airbrush-Bemalung übernimmt die farblich passende Bemalung. Und wo, bitte schön, ist des Künstlers Handschrift?, wurde sogleich gefragt.

In Berlin sorgte Karin Sander zuletzt mit einem Gemälde aus weißer Schokolade für Verwirrung. Ein zarter Geruch von Vanille durchzog die Galerie von Sassa Trülzsch. Auch bei genauerer Untersuchung wirkte das Kunstwerk mit seiner feinen Leinwand-Maserung und den Erhebungen des Keilrahmens perfekt. Nur der Biss hinein war dem Galeriebesucher nicht erlaubt. Ob der spätere Käufer ihn sich gönnte, ist nicht bekannt. Auch hier erscheint das Werk nur auf den ersten Blick einfach. Wer die Minimalistin Karin Sander bestellt, bekommt zwar ein klares, geradliniges Konzept, aber eine komplizierte Ausgangslage.

Mit dem Projekt „Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin von Karin Sander“ in der Temporären Kunsthalle wird sie erneut ihrem Ruf gerecht. Nach Kirstine Roepstorff ist die zierliche 52-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt und entwaffnenden Lächeln die zweite Künstlerin, die in dem Kubus am Schlossplatz eine Gruppenausstellung kuratiert. Sie griff auf ein erprobtes Konzept aus ihrer Wiener Galerie Nächst St. Stephan zurück, wo sie vor drei Jahren alle dort vertretenen Künstler um ein akustisches Zwei-Minuten-Stück bat, das sich per Audioguide abrufen ließ.

Auf Berlin übertragen, explodierte die Teilnehmerzahl. Waren es zunächst 300, dann 400 Zusagen, sind nunmehr 566 Künstler vertreten. In der riesigen Halle stehen sie alphabetisch einer neben dem anderen auf Augenhöhe mit einer Nummer an die Wand geschrieben, die der Besucher anwählen kann. Per Knopfdruck erklärt jeder von ihnen sein Arbeitsprinzip, ein bestimmtes Werk, singt, lacht, weint, spielt Geräusche, Filmaufnahmen, Musikstücke ein oder übergibt einfach seinen Kindern das Wort, wie es Henrik Schrat tat. So viele Teilnehmer, so viele Varianten.

Bei John Bock ist der Sound einer Boxarena zu hören, das Klatschen von Lederfäusten, schweres Atmen. Bernard Frize nahm die GPS-Ansage vom Moabiter Atelier der Künstlerin bis zur Kunsthalle auf, die Videokünstlerin Maria Vedder trällert „Time is my material“. John Armleder lässt einfach den Finger über die Zinken eines Kammes schnurren und nennt es „Comb Music“; bei Monica Bonvicini erklingen Kettenrasseln, verzerrte Stimmen. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset hustet dem Besucher mal links, mal rechts ins Ohr. Ayse Erkmens Aufnahme eines blasenden Haarföns trägt den Titel „wet to dry“.

Der Besucher ist überwältigt von der Fülle dieses Angebots, amüsiert sich, staunt, wie treffend jedes Stück seinen Autor charakterisiert, wenn man ihn denn kennt. Dann wieder lässt man sich leiten von fremden Namen, wird umgekehrt neugierig auf das Werk. Wollte man alle 556 Beiträge hören, bräuchte man 18 Stunden Zeit. Selbst Karin Sander kennt sie längst nicht alle. Bei der Organisation, der Aussendung von E-Mail-Anfragen an hunderte Künstler der Stadt, der tontechnischen Übertragung für die Audioguides standen ihr im Atelier zeitweise sieben Helfer zur Seite.

Und auch dieses neueste Werk, das vordergründig so klar erscheint, springt zwischen den Bedeutungsebenen hin und her. Karin Sander überschrieb es verwirrenderweise „Zeigen“, obwohl die Besucher eigentlich etwas hören. Doch die Künstlerin will „Räume des Sichtbaren“ erschließen, wie sie es nennt. Mit ihrem akustischen Panorama kommt sie ziemlich weit. Laut Statistik hat sie ein Zehntel der Berliner Künstlerschaft abgedeckt. Durch Freunde, Kollegen, Kuratoren kam sie an die Namen. Für die Kunsthalle, die ihr erstes Jahr mit unproportionierten Einzelausstellungen vertat, obwohl sie Übersichtsausstellungen Berliner Künstler zeigen wollte, ist die Audiotour ein Coup. So pur, so klassisch rein für den White Cube hätte niemand sonst so viele Positionen untergebracht.

Auch die Teilnehmer profitieren vom Parforceritt: Tage vor der Vernissage ging ein aufgeregtes Mailing, gegenseitiges Einladen hin und her. Dabeisein als Frage der Ehre. Die Kunsthalle genießt damit wieder Kredit in der Szene. Karin Sander, die kluge Netzwerkerin, hat noch ein anderes Kunststück vollbracht und die Institution in ihrem Beziehungsfeld in der Stadt vorgeführt. Sie selbst sieht sich eher als Beobachterin, nennt die Kreise, Künstlergruppen, die sich in der Namensliste niederschlagen, eine „Skulptur“, die sich unsichtbar durch die Stadt zieht.

Temporäre Kunsthalle, Schlossfreiheit, bis 10. Januar; 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr.

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