Temporäre Kunsthalle : Im Schleudersitz

Performatives beim Forum Expanded und in der Temporären Kunsthalle.

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Es knackt, es piept, dann ist sie auf der Leinwand. Leicht verschwommen taucht der Kopf von Asdis Sif Gunnarsdottir auf. Im Hintergrund erscheint eine Landschaft, vielleicht auch ein Gemälde. Als Nächstes nimmt sich die isländische Künstlerin einen Föhn, lautes Brummen ertönt, ihr Haar verwuschelt. Das war’s.

Was als Beschreibung belanglos klingt, erscheint in der Praxis, im Kinosaal spektakulär, zumindest für den Kenner. Asdis Sif Gunnarsdottir hat eine „Cinematic Performance“ aufgeführt. Das macht sie immer sonntags zwischen 17 und 18 Uhr, für jeden, der sie an ihrem Wohnsitz Reykjavik anskypet. Auf Bestellung liefert sie dann eine persönliche Performance, zugeschnitten auf das Gegenüber auf der anderen Seite des Bildschirms oder eben der Kinoleinwand.

Warum sich die Isländerin heute ausgerechnet die Haare föhnt, muss offen bleiben: Ist es der tolle Sound, die verrückte Optik? Oder macht sie sich schon mal fein für ihren Auftritt im Hebbel am Ufer während der Berlinale, wo ihre Performance übertragen wird (17. 2., 22 Uhr)? Nur so viel ist klar: Ihr Film existiert allein für den Moment, eine Wiederholung ist nicht möglich. Womit sie dem Kino eine überraschende Wendung verleiht. Der Life-Effekt ihrer Performance sorgt für Einmaligkeit, die Kunst kickt das Kino.

Ein klarer Fall für das Forum Expanded. Zum fünften Mal befasst sich diese Sektion des Forums mit den Grenzbereichen von Film und Kunst. Gegründet wurde die Plattform, da zunehmend auch bildende Künstler Beiträge bei der Berlinale einreichten, die jedoch selten für das Kino geeignet sind – entweder zu kurz, zu lang oder nur auf mehreren Leinwänden spielbar. Ausgrenzen wollte man sie nicht, vielmehr von ihnen profitieren als Möglichkeit der Inspiration. Im Forum Expanded, wo sie zu sehen sind, wird von ihnen das kinematografische Regelwerk neu interpretiert und gern auch der Vorführsaal verlassen.

Im letzten Jahr organisierte die Sektion mehrstündige Bustouren zu Ausstellungsorten, die sich angedockt hatten. Diesmal sind die Anlaufstellen in der Stadt jedoch wieder stärker reduziert; zu viele wollten an der Berlinale partizipieren. Das Programm drohte auszufransen. In den Galerien gehört der Film, die Videokunst längst zum Repertoire, so musste Kuratorin Stefanie Schulte Strathaus die Kriterien klarer definieren: Nur Europa-Premieren sind erlaubt, ebenso Produktionen vom vergangenen Jahr. Bei der Forum-Expanded-Show sind deshalb diesmal nur die Galerien Barbara Weiss und Tanya Leighton dabei.

Ging es 2009 um die Frage des Materials, digital oder Film, so untersucht das Forum Expanded nun die Querbezüge zur Performance. In die Kunst ist diese Gattung seit geraumer Zeit zurückgekehrt. Interessant wird diese Kunstform der sechziger Jahre für das Kino, wo sie sich mit Film verbindet und so eine neue Körperlichkeit, eine Life- Präsenz entsteht. Zu den großen Momenten des diesjährigen Forum Expanded dürfte der Auftritt von Christoph Schlingensief am 14. 2. (19 Uhr) gehören, der im HAU den 1911 gedrehten Film „L’Inferno“ von Giuseppe de Liguoro zeigt und kommentiert.

Die Kunst stellt an das Kino alte Fragen neu: Was darf der Zuschauer? Was muss der Film leisten? Im Ausstellungsraum ist es dem Besucher freigestellt, zu kommen und zu gehen. Die Narrativität wird aufgelöst, Grundlagen werden neu geklärt. Mag sein, dass sich auch deshalb das Forum Expanded der Anfänge erinnert. Im Hamburger Bahnhof zeigt Heinz Emigholz sieben strukturelle Filme aus den Siebzigern, in denen er die Bewegungsabläufe seziert und erste Formen der Verräumlichung durch Projektion an verschiedene Wände probt (ab 11. 2.).

In der Akademie der Künste am Hanseatenweg sind unter dem schönen Titel „Traces the Sand left in the Machine“ fünf Positionen zusammengefasst, in denen etwa das Licht und seine Bedeutung für den Film untersucht wird (ab 10. 2.). Christian Giroux und Daniel Young präsentieren in ihrer Installationen diverse Lampen aus einem Haushaltswarengeschäft und demonstrieren über 35 Minuten hinweg, wie sich die Lichtverhältnisse immer wieder verändern können. Zu den Teilnehmern der Akademie-Ausstellung gehört auch das Duo Joao Maria Gusmao und Pedro Paiva, das im vergangenen Jahr auf der Biennale in Venedig den portugiesischen Pavillon bespielte. Mit ihren beiden 16-mm-Projektionen zeigen sie nun die Welt der kleinen Wunder.

Zufall allein kann es nicht sein, dass sich auch der Repräsentant des kanadischen Pavillons von 2009 ein Stelldichein auf der Berlinale gibt. Mark Lewis präsentiert in der kanadischen Botschaft am Potsdamer Platz im Rahmen des Marshall-McLuhan-Salon zwei neue Filme (ab 12. 2.). Ob Filmfestspiele oder Biennalen ist für diese Künstler einerlei; mit ihren Arbeiten wirken sie in die verschiedenen Plätze hinein, vom Publikum an beiden Stätten können sie längst die nötige Aufgeschlossenheit erwarten.

Charmant wird es dort, wo der klassische Ausstellungsraum sich kinematografischer Nostalgie hingibt. Der britische Künstler Phil Collins hat diese Umkehrung herbeigeführt, indem er die Temporäre Kunsthalle in ein Autokino verwandelt. Sechzehn Wagen stehen aufgereiht vor der Leinwand, vorne spielt das Programm. Im Rahmen von Forum Expanded wird dort immer um 16 Uhr Ilona Baltruschs Film „Flug durch die Nacht“ von 1980 aufgeführt, eine Hommage an den Film und das alte West-Berlin. Traumwandlerisch tragen die beiden Darsteller einander Gedichtzeilen vor, mit denen sie sich und das Kino meinen: „Wann stehst du still?“ Der Zuschauer in seinem Autositz darf derweil machen, was er will. Die anderen im Publikum stört es nicht. Für die Einmaligkeit des Erlebnisses, die Performance sorgt er nun selbst.

www.arsenal-berlin.de/forum

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