Tenöre : Zu hoch. Zu hell

Seltsame Wesen: Sie sind Helden und klingen dabei ganz unmännlich. Tenöre sind die Stars der Bühne. Zum Beispiel der Newcomer Paul Potts. Die Wirklichkeit eines Sängerlebens sieht allerdings anders aus. Etwa die von Paul McNamara.

Frederik Hanssen
Tenor McNamara Foto: privat
Der Ire Paul McNamara in der Rolle des traurigen Clowns Canio im "Bajazzo". -Foto: privat

Der Wahnsinn begann vor 171 Jahren. Da schmetterte der Franzose Gilbert Duprez in einer Aufführung von „Guglielmo Tell“ erstmals das hohe C mit voller Power. Der Komponist Gioacchino Rossini erschrak und fühlte sich an den Schrei eines kastrierten Hahns erinnert – das Publikum aber raste vor Begeisterung. Seit diesem Abend 1837 in der Pariser Opéra muss jeder Tenor den Spitzenton „in petto“ haben, also in der Brust. War es bis dahin üblich gewesen, die hohen Noten nur mit der leisen, immer etwas näselnden Kopfstimme zu singen, musste es jetzt auf dem Höhepunkt einer Arie richtig knallen. Duprez’ schärfster Konkurrent, Adolphe Nourrit, mühte sich vergeblich, die neue Technik zu erlernen. Zwei Jahre später stürzte er sich aus einem Fenster in den Tod.

Tenöre sind seltsame Wesen. Sie spielen die Helden, sind eifersüchtige Liebhaber, Rächer der Enterbten oder adlige Schwerenöter, klingen dabei aber ganz und gar unmännlich. Zu hoch. Zu hell. Aber eben auch faszinierend fremd, strahlend, überlebensgroß. Ob in der lyrischen, zartstimmigen Version wie bei Mozart, ob als schwärmerischer Tschaikowsky-Poet oder kerniger Verdi-Protagonist, ob mit wuchtigem Wagner-Organ ausgestattet oder als koloratursicherer Belcanto-Betörer, Tenöre sind immer Mangelware. Pavarotti, Domingo und Carreras wurden zu ihren Glanzzeiten so heiß gehandelt wie sonst nur Fußball-Götter. Als Trio lösten sie 1990 in den Caracalla-Thermen den Boom der Populärklassik aus. Seit dieser Zeit suchen die Manager, die Medien und die opernsüchtigen Massen den „vierten Tenor“. Wir haben zwei Kandidaten getroffen.

Sie heißen beide Paul, Englisch ist ihre Muttersprache, sie sind nahezu gleich alt. Dann hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Paul Potts ist 37 Jahre und ein Fernsehstar: Mehr als 30 Millionen Menschen haben sich im Internet bei „Youtube“ angesehen, wie er in der Castingshow „Britain’s Got Talent“ die Arie „Nessun dorma“ singt, seine CD „One Chance“ wurde bislang zwei Millionen Mal verkauft, seit 15 Monaten tourt er rund um den Globus.

Paul McNamara ist 40 Jahre und das, wofür die meisten Menschen Paul Potts halten: ein echter Opernsänger. Derzeit probt McNamara den „Freischütz“ am Theater Neustrelitz. Sein halbes Leben lang hat er dafür gekämpft, heute hier arbeiten zu dürfen. Sechs Wochen Proben für jede Neuinszenierung, vormittags von 10 bis 14 Uhr, abends von 18 bis 22 Uhr. Die Zeit dazwischen braucht man, um neue Rollen zu lernen. Schnellen Erfolg gibt es bei Sängerkarrieren nicht. „Du musst das als long term investment sehen, sonst wirst du verrückt“, sagt der Ire. „Karriere bedeutet für mich, dass ich auch noch mit 70 auftreten kann.“

Bis sich die Investitionen rentieren, dauert es Jahre. Vielleicht ist am Ende die ganze Plackerei umsonst gewesen, man bekommt endlich einen Vertrag an einem ordentlichen Theater und wird dann binnen weniger Jahre im Repertoirealltag verheizt: zu oft zu früh zu viele schwere Rollen – und die Stimme macht nach ein paar Spielzeiten schlapp. Nein sagen zu können ist für Opernsänger der größte Luxus.

Die Story von Paul Potts dagegen ist eines dieser modernen Medienmärchen: Der trällernde Handyverkäufer, der über Nacht als Künstler entdeckt wird, die bewegende Geschichte vom hässlichen Entlein, das sich zum Pinguin im Frack verwandelt. Ein Kämpfer für die eigene Sache war Paul Potts nie. Das Fernsehen musste ihm schon zu Hilfe kommen – denn bis zu jenem Castingshow-Auftritt 2007 war er eher den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Als ihn seine Mitschüler hänselten, weil er dicklich und unbeholfen war, verkroch er sich hinter Büchern. Als er nach seinem Philosophiestudium nicht sofort eine angemessene Stelle fand, räumte er lieber im Supermarkt Regale ein, als um einen Akademikerjob zu kämpfen. Seine spätere Frau Julie-Ann hat er im Internet kennengelernt.

Dann aber griff er nach den Sternen, rührte die Jury von „Britain’s Got Talent“ mit dem Hit aus Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ zu Tränen, gewann das Casting, bekam einen Plattenvertrag, durfte vor der Queen auftreten. Seitdem ist er keine zehn Tage mehr am Stück zu Hause gewesen. Den Auftrittsmarathon, den ihm sein Management auferlegt, kann man nur mit dem englischen Begriff für einen kriegerischen Überraschungsangriff beschreiben: Pott’s Blitz.

Mittlerweile hat er sich die schiefen Zähne richten lassen und in seiner Heimatstadt für 570 000 Euro eine Villa gekauft. Als die Telekom „Nessun dorma“ in einem TV-Spot verwursten ließ, schoss Paul Potts auch an die Spitze der deutschen Charts. Die zehn eilig angesetzten Deutschland-Konzerte sind nahezu ausverkauft. An diesem Montag tritt er in der Berliner Max-Schmeling-Halle auf.

Fünf Tage später wird Paul McNamara mit dem „Freischütz“ in Neustrelitz Premiere haben. Sieben Mal führen sie das Stück in dieser Saison dann noch auf. Bis März 2009 hat der Tenor alle weiteren Engagements abgesagt. Denn im kommenden Frühjahr wird er erstmals die männliche Titelpartie in Richard Wagners „Tristan und Isolde“ singen, am Theater Chemnitz. Die Zeit bis dahin braucht er, um die Rolle zu verinnerlichen, die raunenden, für einen englischen Muttersprachler zungenbrecherischen Verse, die Musik, die zum Anspruchsvollsten gehört, was je komponiert wurde. Paul ist Freiberufler, die Einnahmebilanz dieser Spielzeit wird wegen des Tristan-Debüts eher dürftig ausfallen.

Für Paul McNamara kommt Kunst nicht von Können, sondern von Nicht-Anders-Können. Er wusste schon mit 16 Jahren, dass er Sänger werden würde. Das war nach seinem ersten, überwältigenden Festival-Erlebnis. Den Sommer über hatte er zu Hause, in Limerick, in einer Hotelküche gejobbt, um sich im Oktober dann Tickets fürs „Wexford Opera Festival“ leisten zu können. Er fuhr alleine hin, denn selbstverständlich interessierte sich keiner seiner Klassenkameraden für Klassik. Aber das machte ihm nichts aus.

Weil männliche Stimmen erst mit Anfang 20 reif genug für eine professionelle Ausbildung sind, schrieb Paul McNamara sich nach der Schule zunächst in Dublin für Musikwissenschaft ein. Nebenbei sang er in Laienchören, später spielte er drei Jahre lang in der Dubliner Operntruppe mit. Dann bewarb er sich am Londoner Royal College of Music, wurde angenommen und als Bariton ausgebildet, zwei Jahre lang, bis ein Sprachcoach entdeckte, dass seine natürliche Stimmlage eigentlich Tenor ist.

Ein Schock, erzählt Paul: „Denn ich wollte nie Tenor werden.“ Er bricht die Ausbildung ab, arbeitet in einem CD-Laden, dann bei einer Maß-Schuh-Manufaktur. Aber er kann nicht ohne Gesang leben, akzeptiert das Schicksal, verkauft 1999 sein Reihenhaus in Dublin, um den Stimmfachwechsel von Bariton zu Tenor finanzieren zu können, sucht sich einen neuen Lehrer – und geht nach Deutschland: „Weil es hier die besten Möglichkeiten für junge Sänger gibt zu lernen.“

Die Bundesrepublik ist immer noch das Paradies für Opernsänger. Nirgendwo auf der Welt ist die Stadttheaterdichte höher, nirgendwo gibt es mehr Auftrittsmöglichkeiten für Newcomer. In ganz Großbritannien existieren, neben den beiden Londoner Musiktheatern, gerade einmal fünf weitere Operntruppen. Die irische Hauptstadt Dublin hat bis heute kein eigenes Opernhaus. Paul McNamaras erste Station ist Kiel, dann folgen Görlitz, Bielefeld, Cottbus. In Neustrelitz hat er bereits sieben Hauptrollen gesungen. Mit minimalen Mitteln wird in der dünn besiedelten mecklenburgischen Provinz maximale Kunst gemacht. Alle Künstler arbeiten hier auf der Basis der Selbstausbeutung.

Dennoch, Paul McNamara hat sich bewusst für den Max im Neustrelitzer „Freischütz“ entschieden. Er hätte zur selben Zeit besser verdienen können, mit einer kleinen Partie an einem großen Haus, der Genfer Opéra. Doch er will sich lieber in der Provinz die Hauptrollen erarbeiten, die er später in den Metropolen singen möchte. Er hat nämlich die guten Karrierejahre noch vor sich: Er ist ein „Heldentenor“, singt das sogenannte „schwere Fach“, für das ein Sänger ebenso eine bombige Höhe braucht wie auch vokale Durchschlagskraft und enormes Stehvermögen. In dieser Stimmgewichtsklasse erreicht man seine volle Leistungsfähigkeit zwischen 45 und 60 Jahren. „Meinem Vater habe ich das neulich so erklärt: Das schwere Fach ist wie ein Anzug, in den man hineinwächst. Steckst Du einen schmächtigen Jungen da rein, sieht es lächerlich aus. Mit der Zeit aber nähert man sich der Passform an, bis Jacke und Hose schließlich wie angegossen sitzen.“

Der Anzug, den Paul Potts bei seinem Castingshow-Auftritt trug, hatte 35 britische Pfund gekostet. Heute trägt er edelsten Zwirn – aber der Stimmanzug seines irischen Namensvetters wird ihm ewig um die Schultern schlabbern. Hätte er überhaupt das Zeug dazu, nicht nur vor dem Mikrofon in einer Stadthalle zu singen, sondern als Darsteller auf einer Bühne zu agieren? Eine Frage, die sich seine Fans nicht stellen. Sie wollen nichts von seinem flackernden Vibrato bei lang ausgehaltenen Tönen wissen oder von der Gesangstechnik, die den bekennenden Hobbysänger verrät. Bei Opernprofis kommt es darauf an, was vorne rauskommt. Bei Paul Potts interessiert vor allem die Geschichte dahinter: Es ist der Traum des kleinen Mannes, plötzlich und unerwartet entdeckt zu werden, vom Nobody zum Prominenten zu avancieren.

Das fasziniert selbst die seriöse Presse. Paul Potts, analysierte die „Süddeutsche Zeitung“, „hat dem schwachen, zweifelnden, übersehenen, überholten, aus der Form und aus der Mode geratenen Typ Mann seine Würde zurückgegeben“. Und zwar, muss man ergänzen, nicht durch künstlerische Höchstleistungen, sondern einfach dadurch, dass er da ist, sich als Projektionsfläche einer verunsicherten Mittelschicht zur Verfügung stellt. „Nessun dorma“ ist die Soundtapete für die Tag- und Wunschträume der Globalisierungsverlierer. Um Erfolg zu haben, darf sich Paul Potts darum auf keinen Fall von seinem Image als dicker Junge aus Südengland lösen.

Paul McNamara dagegen muss sich für jede Rolle neu erfinden. An einem Abend soll er in Darmstadt der glühend liebende Erik aus dem „Fliegenden Holländer“ sein, am nächsten in Weimar der zynische Feuergott Loge aus dem „Rheingold“. An der Deutschen Oper Berlin hat er in der legendären Schlingensief-Produktion von Braunfels’ „Heiliger Johanna“ den St. Michael verkörpert, in Brüssel den Tambourmajor aus dem „Wozzeck“, er war der traurige Clown Canio in Leoncavallos „Bajazzo“ und der Herzog in der Johann-Strauss-Operette „Eine Nacht in Venedig“. Er soll gleichzeitig spielen und singen, am besten alles in Originalsprache, ob auf Italienisch, Deutsch oder Tschechisch, er soll hunderte Partiturseiten auswendig draufhaben und er soll sich nicht zum Sklaven des Lampenfiebers oder seiner privaten Befindlichkeit machen. Selbstverständlich muss er außerdem gut aussehen. Gerade hat er acht Kilo abgenommen.

Und er soll geduldig sein. „Die allermeiste Zeit verbringt ein Sänger mit Warten“, erklärt Paul McNamara: „Auf die richtige Rolle, auf den Zug, aufs Flugzeug, auf die nächste Erkältung, darauf, dass man bei der Probe dran ist, auf die Premiere, abends aufs richtige Stichwort. Bei der ,Heiligen Johanna’ lagen zwischen meinen beiden Auftritten zwei Stunden. Derweil kann ich nichts tun, da bin ich wie in einem no man’s land.“

Paul Potts lebt ein anderes Leben. Er sagt Ja, wenn sein Management ruft. Er absolviert geduldig lächelnd seine PR-Termine. Vielleicht hat er die Funktionsmechanismen des Entertainmentbusiness durchschaut. Vielleicht weiß er, dass die Halbwertzeit seines Erfolgs äußerst begrenzt ist. Weil Unterhaltungskunst genauso funktioniert wie das Handygeschäft. Der Markt ist gnadenlos, verlangt ununterbrochen neue Reize. „In vielerlei Hinsicht bin ich immer noch ein Verkäufer“, gibt er offen zu. „Jetzt verkaufe ich Paul Potts.“

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