Kultur : Tenor vor, noch ein Tor!

Es begann in Rom zum WM-Finale 1990: Eine neue Generation von Opernsängern erobert die Arenen

Christine Lemke-Matwey

Schon das Plakat suggeriert Drama. Drei Riesenköpfe über einer ameisenartig kleinen Waldbühne, die Mienen wie in Fels gehauen, Hollywood ist nichts dagegen. Rolando Villazón (links) gibt sich den Anschein, als käme er mit seinen eierkohleglühenden Augen frisch vom Stierkämpfen, und Anna Netrebko (Mitte) wurde offenbar mit Pech oder mit 3-Wetter-Taft übergossen, so stramm steht ihre Schneewittchen-Tolle über der Stirn. Was aber macht Plácido Domingo (rechts), der Grandseigneur? Wendet sich leise ab: gedankenverloren, fast schmerzlich.

Vielleicht blickt er in die Zukunft und fragt sich, wie das werden soll mit der „Popularisierung“ der Klassik, wenn so vieles schon so populär ist und so wenig noch richtig klassisch. Vielleicht träumt er aber auch von der Vergangenheit und von besseren Tagen: Fußball-WM 1990, Endspiel in Rom, Deutschland – Argentinien, 1:0. Auf den Tag genau vor 16 Jahren haben die drei Tenöre in den dortigen Caracalla-Thermen ihr Debüt gegeben. Carreras, Domingo, Pavarotti, „O sole mio“, „Nessun dorma“ und „Wien, Wien, nur du allein“: die Geburtsstunde einer Weltmarke. Millionen vor den Fernsehapparaten. Und die Plakate sahen haargenau so aus.

Wenn Domingo sich nun also mit dem neuen „Traumpaar der Oper“ die Ehre gibt, dann bedeutet das zweierlei. Erstens: Der alte Männerbund ist zerbrochen. José Carreras setzt alle Kunst und Berühmtheit für seine Leukämie-Stiftung ein, und Luciano Pavarotti tummelt sich auf Weltabschiedstournee. Zweitens: Die Fackel wird weitergereicht. 16 Jahre lang haben die Veranstalter von Domingo & Co. der Welt weisgemacht, dass der klassischen Musik einzig durch Popularitätsspritzen dieser Art noch zu helfen sei. Und auch die Künstler sagten sich durchaus: Wir sind die Guten. Denn unsere guten Namen sind uns nicht zu schade. Gebt uns ein Stadion, eine Eishalle, ein antikes Theater, so die Devise, und jeder deutsche Robbie-Williams-Fan weiß plötzlich, dass der Name „Verdi“ auch einen italienischen Komponisten des 19. Jahrhunderts meint. Versehen mit den höheren Weihen des Kommerzes, mit einem knallharten Produktplacement, mit 3-Tenors-Teetassen und 3-Tenors-Golfbällen, war es plötzlich wieder erlaubt und schick, öffentlich „La donna è mobile“ zu schmettern, die Arie des Herzogs aus Verdis „Rigoletto“.

Eigentlich schön. Der alte Verdi hätte seine Freude gehabt. Und schon Carusos Karriere funktionierte so. Allein das Klassik-Geschäft des späten 20. Jahrhunderts sah sich aus seiner Krise nicht erlöst. Jener Krise der Quoten und Quantitäten, die ans Soziale rührt: Wenn immer weniger Menschen für immer mehr Geld in den Genuss der so genannten großen Oper kommen, dann ist das weder für die Oper gut noch für diejenigen, die – freiwillig oder nicht – draußen bleiben. Just an dieser Crux aber sollten auch die drei Tenöre nichts ändern. 60 000 und mehr bei „O sole mio“ mögen ein Symptom sein – einen Paradigmenwechsel in Richtung „Demokratisierung“ beschworen sie nicht herauf (wann war die Oper je demokratisch?). Und so bleibt das Ganze im wahrsten Wortsinn phänomenal: Eine Bewegung, die am Ende mehr mit Star-Power und Marketing-Strategien zu tun hat, mit Talkshow-Sofas und Pasta-Rezepten, als mit der Bekehrung jungfräulicher Massen zur ach so hehren, heiligen Kunst. Oder gar mit den Inhalten dieser Kunst selbst. Eine eigene Gattung mit einem ganz eigenen Selbstbewusstsein.

Genau das haben Domingos Töchter und Söhne rasch begriffen: Sie wollen die Welt nicht verbessern. Sie wollen für eine gute Show ganz einfach gut bezahlt werden. Die Waldbühne ist für sie die Waldbühne – und nicht der kürzeste Weg in die Deutsche Oper. Sie brauchen kein Alibi mehr und keine Extra-Legitimation. Und das ist ganz sicher gut so. Nur darf man darüber nicht vergessen, dass die Waldbühne die Deutsche Oper niemals ersetzt.

Hatten José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti substanzielle Karrieren hinter sich, als sie ihren Triumphzug durch die Arenen dieser Welt antraten, so werden Netrebko & Villazón im Stadion fürs Stadion gemacht. Dem alten Dreigestirn gönnte man es, dass es sich auf seine reiferen Tage einen Jux machte. Im Übrigen besaß dieser eine Qualität und Aura, der selbst hartgesottene Klassikadepten kaum widerstehen konnten. Die Jungen aber, die gerade mal Nemorino an der Lindenoper gesungen haben oder ein paar Mimis zwischen München und der Met, sie grüßen bereits – wie einst die Callas im Abstieg (!) ihres Ruhms – als lebensgroßes Pappkameradenpaar an den Eingängen einschlägiger Elektronikmärkte. Werden als Schießbudenfiguren drappiert, sind Eislaufkinder und dürfen bei allem Trara doch ihre Kunst nicht vergessen. Leicht ist das in diesen Zeiten nicht.

Wenn beispielsweise die Lufthansa damit wirbt, die Reisenden in der First- und Businessclass neuerdings mit dem Programm des Pay-TV-Senders Classica (Premiere) zu unterhalten, dann hat das eine weitere gesellschaftliche Dimension: Klassik ist plötzlich auch wieder elitär. Merkwürdige Verschränkung der Zeitläufte: In dem Augenblick, in dem unsere musikalische Bildung und Ausbildung sich dem finalen Tiefpunkt nähert, fliegen gut Betuchte mit Verdis „Traviata“ nach New York oder Hongkong. Konnte man die drei Tenöre noch als Caprice des Marktes abtun, so hat sich dieses Kapriziöse längst als das Eigentliche etabliert. Ob unten im Stadion oder hoch über den Wolken: Es geht nicht darum, solche Entwicklungen als wilde Schüsse ins Kraut zu geißeln; es geht um Bedingungen und Unterschiede. Und darum, die Mitte nicht aus den Augen zu verlieren, das Herz.

Dass eine Arie wie Violetta Valerys „È strano“ einen dramatischen Kontext hat und braucht, wissen heute statistisch so wenig Menschen zwischen 30 und 40 wie nie; und wenn sie es wissen, zugespitzt formuliert, dann hat es sie der Zoom der Fernsehkameras auf Anna Netrebkos Dekolletee gelehrt (mit ihrer Salzburger „Traviata“ ist die Lufthansa nun in das besagte Programm gestartet). Besser so als gar nicht? Gewiss. Aber auch hier darf nichts verwechselt werden. Die arme Violetta nämlich stirbt mit und ohne Pfirsichhaut.

Diese ganze Gemengelage ist nicht ohne Risiko. Rolando Villazón scheint das begriffen zu haben, indem er ebenso fleißig wie glaubhaft an einem Zweit-Image strickt: als Grübler, als Melancholiker. Bei Anna Netrebko hingegen – typisches Frauenschicksal – stehen nach wie vor die Kulleraugen und die geschürzten Lippen im Vordergrund. Vielleicht hilft es ja, wenn sie diesen Sommer in Salzburg eine ganz normale „Figaro“-Susanna singt. Wie beflügelnd und für die künstlerische Entwicklung bedeutend die Arbeit im Ensemble ist, mit Regisseuren, Dirigenten, Kollegen, die Begegnung mit dem Publikum in einem Opernhaus, davon weiß Plácido Domingo bestimmt eine Menge zu erzählen.

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