Kultur : Teppich aus Strichen "Zeichnung heute"

FRANK PETER JÄGER

Wo ist denn hier das Kunstwerk, denkt man, wenn man den Saal der Katharina Hinsberg betritt - die Wände scheinen kahl.Dann tritt man näher, und plötzlich sind da Hunderte von Kunstwerken.Vom Boden bis unter die Decke besetzen sie leise vibrierend die vier riesigen, hohen Wände.Über zweitausend sollen es sein.

Katharina Hinsberg hat jede ihrer nur wenige Zentimeter großen Zeichnungen mit einem Skalpell aus dem Blatt geschnitten - aber nur den Strich selbst, sonst nichts."Découpagen" (französisch für "Ausgeschnittenes") nennt sie die Objekte.Selbst winzige, von den Linien gebildete Zwischenräume wurden ausgestanzt.So schweben die filigranen, mit körnigem Graphitstift aufs Papier gebrachten Linienphantasien als endloser Teppich vor den Wänden, nur mit dünnen Stahlstiften befestigt an der Welt.

Die beeindruckende Installation Hinsbergs ist zusammen mit Arbeiten von Beate Terfloth und Andrea Zaumseil im Bonner Kunstmuseum zu sehen.Die drei Künstlerinnen bestreiten die zweite Auswahl der Ausstellungsreihe "Zeichnung heute".Jede von ihnen gestaltete einen der drei aufeinanderfolgenden Räume.

In der Ausstellung hat die Nachbarschaft der denkbar gegensätzlichen Arbeiten von Katharina Hinsberg und Andrea Zaumseil den Reiz des Konträren: Den federgleichen Zeichnungen von Hinsberg stehen die erdschweren, atmosphärisch dichten Kreidezeichnungen von Zaumseil gegenüber.Liegt der Zauber von Zaumseils Schattenlandschaften in der hintergründigen Aura, faszinieren die schwebenden Strichgebilde von Hinsberg durch ihre Poesie und die Ausdruckskraft jedes einzelnen Objekts.Keines gleicht dem anderen.Gerne verästelt Hinsberg die mehr linearen Objekte in unzählige, nervige Seitenästchen, andernorts verkettet sie kunstvoll eine Gruppe von Ovalen.Will die Magie der einzelnen Découpage aus der Masse heraus entdeckt werden, ziehen Zaumseils Kreidezeichnungen mit ihrer suggestiven Plastizität den Blick schon von weitem auf sich.Es ist ihr Dunkel, das anzieht.Man möchte wissen, was sich in der Tiefe dieser Räume verbirgt.Die Bilder leben von starken Kontrasten, Weiß und Tiefschwarz dominieren, bestimmt von einem Licht, das sich meist in harten Schatten an den Raumphantasien bricht.Auf einem der Bilder sind drei Krater zu sehen, auf einem anderen früchteartige Kugeln, die an einer Stelle eine dunkle Öffnung aufweisen, ein schwarzes Auge.Was man auf Zaumseils Zeichnungen sehen kann, dient zugleich als Betonung dessen, was unergründlich bleibt, wie die Tiefe der Krater oder das geheimnisvolle Innere der Kugeln.

Andrea Terfloths Arbeiten entsprechen noch am ehesten der landläufigen Vorstellung von Zeichnung.Sich überkreuzende farbige Linien, ein kräftiger Zick-Zack-Strich auf monochromem Hintergrund stellen ganz die Linie als Grundelement der Zeichnung in den Vordergrund.

Die Schau, heißt es im Katalog, möchte die selbstbewußte Eigenständigkeit und Experimentierfreude einer künstlerischen Ausdrucksform ins Licht rücken, die - im Ruf eines Mediums von Studie und Improvisation - allzu lange im Schatten von Malerei und Skulptur stand.Das gelingt in Bonn aufs beste.

Kunstmuseum Bonn, bis 25.April; Katalog 49 Mark.

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