Kultur : Teppich und Teller

Die Bayer AG stellt ihre Sammlung im Martin-Gropius-Bau zum ersten Mal öffentlich aus.

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Rollware. „Teppich“ heißt das große, halb abstrakte Gemälde von Albert Oehlen, das 1982 entstanden ist. Foto: Albert Oehlen
Rollware. „Teppich“ heißt das große, halb abstrakte Gemälde von Albert Oehlen, das 1982 entstanden ist. Foto: Albert Oehlen

Die grüne Schale hat Max Beckmann mit dem Pinsel auf das Tischtuch gesetzt. Die düsteren Wolken über einer „Landschaft“ von 1949 stammen von Emil Nolde, das „Rot im Zentrum“ hat Ernst Wilhem Nay 1955 in sein Gemälde komponiert. Ein Defilee der großen Namen, allesamt museumswürdig. Der Firmengigant Bayer hat über 240 solcher Werke aus seiner Zentrale in Leverkusen nach Berlin geholt. Zum 150. Jubiläum präsentiert man sich im Martin-Gropius-Bau mit der denkwürdigen Ausstellung „Von Beckmann bis Warhol“. Die Sammlung Bayer, eine der ältesten Firmensammlungen Deutschlands, zeigt sich zum ersten Mal überhaupt in der Öffentlichkeit.

Dabei wollte Carl Duisberg gar keine materiellen Werte schaffen. Dem Generaldirektor, der dem Konzern ab 1912 über ein Jahrzehnt vorstand, ging es um das ästhetische Potential der Kunst. Sie sollte auf die Mitarbeiter wirken und Bildung vermitteln. Dafür kaufte Duisberg weder systematisch, noch allein an der Moderne orientiert. Sein Porträt, von Max Liebermann 1909 gemalt, zeigt den Industriellen Geheimrat als Mäzen von konservativer Bürgerlichkeit. Doch Duisberg sammelte – was ihm gefiel und was seinerzeit erschwinglich war. Seine Nachfolger setzten diese Ankaufspolitik fort.

Über 50 Papierarbeiten etwa von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein, Christian Rohlfs und Lionel Feininger sind das Ergebnis. Wunderbare Aquarelle von Emil Nolde, Joan-Miró-Lithografien oder Holzschnitte von Ewald Mataré. Große Gemälde von Max Beckmann oder gehören ebenso zur Kollektion wie eine abstrakte Leinwand von Gerhard Richter, die Anfang der achtziger Jahre in den USA erworben wurde. Da verstand Bayer sich längst als internationaler Konzern, der die Entwicklung der deutschen Künstler über die Landesgrenzen hinaus aufmerksam verfolgt. Und fast immer die richtige Entscheidung traf.

Dass viele Werke heute fast unbezahlbar und angesichts der globalen Nachfrage gar nicht mehr zu haben sind, ist eine hübsche Randnote. Es zeigt aber auch, wie anders der Impetus über die Jahrzehnte geworden ist: Weist die Sammlung Bayer in den fünfziger, sechziger Jahren noch zahlreiche Maler mit lokalem Kolorit auf, so verschwimmen die Kriterien später zugunsten einer Kunst, die global erfolgreich ist. Dafür stehen Arbeiten von Albert Oehlen, Martin Kippenberger oder Andy Warhol. Modern und innovativ wollte schließlich auch das Unternehmen wirken, die Sammlung sollte als Spiegel dieser Identität dienen.

Diese Verschiebung müssen die Verantwortlichen in Leverkusen früh wahrgenommen haben. Parallel zur Internationalisierung baten sie junge Künstler an ihren Standort und ließen die kommende Generation im Rahmen eines Stipendiums mit neuen Bayer-Materialien experimentieren. Die Skulptur „Cyklopentan“ (1973) von Roberto Cordore, etwa in der Mitte der Ausstellung zu finden, ist ein gutes Beispiel: ein Gigant aus Kunststoff in amorpher Form, der ebenso dem Atelier wie einem wissenschaftlichen Versuch entsprungen sein könnte.

Nach diesem Objekt zerfällt die Schau dann deutlich in zwei Stränge. Hier der renommierte britische Maler Sean Scully mit einer famosen Aquatintaradierung. Aufnahmen von Thomas Ruff und Candida Höfer, eine Gouache von Sol LeWitt oder Polaroids von Marina Abramovic und Ulay. Dort fotografische Aufnahmen von Marven Graf, Jahrgang 1986, die sich kritisch mit Schönheitschirurgie auseinander setzen, neben abstrakten Lackbildern der ebenfalls jungen Malerin Beate Slansky, deren Biografie im begleitenden Katalog schnell gelesen ist.

Die Kombination, vor allem aber der Schlusspunkt der Schau nach all den prominenten Namen macht einen ratlos. Dass die jüngsten Arbeiten Resultat eines neuen mäzenatischen Programms des Unternehmens namens stART sind, wird dank der knappen Ausstellungstexte zwar eingeblendet. Doch die – für das heutige Erscheinungsbild der Sammlung so wichtigen – Entwicklungen und Kursänderungen erschließen sich nur dem, der den profunden Katalogbeitrag von Bettina Ruhrberg über Corporate Collecting studiert hat. Der reine Ausstellungsbesucher weiß auch nach dem Rundgang leider nicht, was die private Sammlung eines Unternehmens von einer institutionellen unterscheidet.

„Von Beckmann bis Warhol“, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 9.6., Mi–Mo 10–19 Uhr

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