Kultur : Tequila: Adios Agave

Wenn die Eagles demnächst nach Berlin kommen und ihr legendäres "Tequila Sunrise" in den Abendhimmel über der Waldbühnen-Muschel hauchen, dann wird es wie eine Botschaft aus versunkenen Zeiten klingen. Cowboys, Jugendträume, Mädchen, die nichts trinken, dafür aber auch nichts von Musik verstehen - all das gibt es nicht mehr. Aus dem "Tequila Sunrise", dem Sonnenaufgang, bei dem wir die Morgenluft des weiten Westens witterten und stolz auf unseren ersten Brummschädel waren, ist ein tequila sunset, ein Sonnenuntergang, geworden. Sowieso. In ein paar Tagen wird Bob Dylan sechzig! Und jetzt das: Der Tequila wird knapp. Die mexikanischen Destillen kommen nicht mehr hinterher, die Nachfrage ist zu groß. Die Tequila-Mode bedroht den Agaven-Bestand. Turbo-Kulturen funktionieren nicht, weil die Agavenblätter erst nach zehnjährigem Wachstum für die Tequila-Gärung geerntet werden können. Schon plündern Agavendiebe die Urwälder. Die Regale leeren sich, die Preise steigen. Wie beim Kaviar: Piraten haben die Störe im Kaspischen Meer kaputtgefischt, und die kleinen grau-schwarzen Salzperlen, die man freilich nicht mit Tequila, sondern mit Wodka zerkaut, werden bald unbezahlbar.

Natürlich schmeckt Tequila im Grunde schrecklich - nach Dauerwurst, die zu lange in der Küche herumlag. Doch kein alkoholisches Getränk wirkt ähnlich bewusstseinserweiternd wie das Agavenbräu, während Wodka, Whisky usw. das Gesichtsfeld doch eher verengen. Der tragische Held in Malcolm Lowrys berühmten Roman "Unter dem Vulkan" kennt nur eine Droge, die Tequila übertrifft: Mezcal. Aber auch Mezcal ist ein Produkt der Agave und von der Krise bedroht, ein wahres Teufelszeug, das wie eine Mischung aus Flugbenzin, dicker Bohnensuppe und dem Agavenwurm schmeckt, der in jedem echten Mezcal herumschwimmt und von demjenigen verzehrt werden muss, der die Flasche zur Neige trinkt. Adios Mezcal, adios Tequila! Wir bleiben diesen Sommer nüchtern und fühlen mit den Salz- und Zitronenbauern dieser Welt. Weil es ohne Tequila nichts mehr zu schlecken gibt.

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