Kultur : Terror auf Borneo: Kopfjäger

Michael Streck

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts sollen die Kopfjäger auf Borneo der Praxis abgeschworen haben, territoriale Konflikte durch das Fangen eines gegnerischen Kopfes auszutragen. Dennoch haben sich in den Dörfern der konkurrierenden Stämme die so genannten "Kopf-Häuser" erhalten. Dort sind die Trophäen ihrer Kämpfe ausgestellt, als Beweis von Kraft und Mut ihrer jungen Männer. Die gefürchteten Krieger leisteten im Schutz des dichten Dschungels, bewaffnet nur mit Pfeil und Bogen, der holländischen Kolonialmacht erfolgreich Widerstand, so dass diese die Insel nicht unter Kontrolle bekamen.

Aufzeichnungen der Holländer belegen, dass die Kopfjagd weiter bis in die 30er Jahre existierte und dann allmählich verschwand, als Missionare die Stämme zum katholischen Glauben bekehrten. Doch seit der vergangenen Woche wird wieder Jagd auf Köpfe gemacht im jüngsten grausamen Ausbruch von Gewalt in Indonesien. Hinter dem Hospital der Stadt Sampit in Zentral-Kalimantan liegen zahllose kopflose Körper. Wie in einem Blutrausch jagen junge Dayak muslimische Zuwanderer und tragen ihre Köpfe als Trophäe durch die Straßen zur Schau.

Die Ereignisse in der Provinz Kalimantan sind Teil der tragischen Geschichte des modernen Indonesien. Sie ist geprägt durch immer neue blutige Zusammenstöße auf dem gesamten Archipel und Konsequenz der "Javanisierung" des Inselreiches unter den Präsidenten Sukarno und Suharto. In den Augen des Volkes der Dayak wurden die holländischen Kolonialherren nur durch die javanischen ersetzt.

Die indigene Bevölkerung der einstmals dünn besiedelten Dschungelregionen auf Borneo wurde von der indonesischen Regierung Dayak genannt. Sie leben traditionell in gemeinschaftlichen Langhäusern, wo die Familien Seite an Seite wohnen, den gleich großen Platz zur Verfügung haben und Entscheidungen demokratisch innerhalb der Dorf-Gemeinschaft getroffen werden.

Wer als Fremder ein Langhaus besucht, muss alle Waffen vor der Tür ablegen, um so symbolisch Frieden und Harmonie zu erhalten. Die Dayak lebten als Wanderfeldbauern, die in Zyklen von zehn Jahren durch den Dschungel zogen, bevor sie an einen alten Wohnplatz zurückkehrten. Sie rodeten immer nur eine kleine Fläche, um dem Wald genügend Zeit zum Nachwachsen zu lassen und den Boden vor Erosion zu bewahren.


Grafik: Krisenherde im Inselstaat


Ab den 50er Jahren begann die indonesische Regierung muslimische Bauern von Java und der trockenen Insel Madura nordöstlich von Java nach Borneo umzusiedeln, Straßen und Siedlungen in den Regenwald zu bauen. Die Technokraten in Jakarta wollten den wachsenden Druck von den dicht bevölkerten und vergleichsweise kleinen Inseln Java und Madura nehmen, indem sie Millionen Menschen im Rahmen des "Transmigrasi"-Programms umsiedelten. Seither wurden rund neun Millionen Menschen auf die so genannten Außeninseln - ein Begriff, der im javanischen Verständnis die Verteilung von Zentrum und Peripherie verdeutlicht - verschifft.

Später verkündete die Regierung Suharto, das Volk der Dayak "zivilisieren" zu wollen, aus der Steinzeit in die Moderne zu befördern. Dazu sollten sie den Wanderfeldbau aufgeben und sesshaft werden. Die Landrechte der Dayak, die auf dem "adat", dem ungeschriebenen überlieferten Gesetz beruhen, wurden von Jakarta nicht mehr respektiert und ihnen traditionelle Eigentumsverhältnisse aberkannt. Maduresen nahmen stattdessen das Dayak-Land in Besitz. Eine tiefe Kränkung, denn in der Vorstellung der Dayak sind Land und Wald ein gemeinschaftliches Gut, das zudem einen spirituellen Wert hat. Im Wald leben die Seelen der Ahnen weiter.

Zu der kulturellen Erniedrigung kam die wirtschaftliche Ausgrenzung. Suhartos Clan machte die Insel Borneo und ihre Wälder zu einem Eldorado für Holzfirmen, die ohne Rücksicht auf die traditionelle Waldwirtschaft der Dayak und die sensible Ökologie des Regenwaldes massiven Kahlschlag betrieben.

Die großangelegten Rodungen vertrieben die Ureinwohner und hatten verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Steigende Trockenheit begünstigte Waldbrände, Bodenerosion machte weite Regionen unfruchtbar.

In einem unsinnigen Plan wollte Suharto noch in den 90er Jahren eine Million Hektar Wald in Reisfelder umwandeln, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Boden überhaupt nicht für die intensive Landwirtschaft eignet. Gerodet wurde, angebaut nicht mehr und übrig blieb weites und ödes Land.

Traditionelle Lebensweise zerstört

In Kalimantan lebt die Urbevölkerung weitgehend in Armut und marginalisiert am Rande der wachsenden Siedlungen der Zuwanderer. Die traditionelle Lebensweise der Dayak wurde zerstört. Zudem waren sie nicht in der Lage, mit den muslimischen Migranten zu konkurrieren, zum Beispiel wenn es um Jobs in Wirtschaft und Verwaltung ging. Die Maduresen kontrollieren den Handel und die Transportfirmen, so dass Feindseligkeit zwischen den Gruppen vorprogrammiert war. Hinzu kommen die religiösen Unterschiede zwischen den animistischen und katholischen Dayaks und den muslimischen Maduresen.

Der Konflikt schwelt schon lange und wurde unter Suharto durch die Macht der Armee unterdrückt. Ziel der Dayak ist es nun, die Maduresen aus Kalimantan zu vertreiben. Mit den anderen Zuwanderern, Chinesen und selbst muslimischen Malaien, leben die Dayak dagegen friedlich zusammen. Die Maduresen werden von allen drei Volksgruppen mehrheitlich als Feinde betrachtet. Ihnen wird vorgeworfen, ihren wirtschaftlichen Erfolg zum Teil auf kriminellem Wege erreicht zu haben.

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