Kultur : Terror im Raum

KATJA REISSNER

Im heutigen Kunstbetrieb ist es längst nichts Ungewöhnliches mehr, daß Konzeptkünstler unterschiedliche Kontexte - zum Beispiel ästhetische und soziologische - verbinden und dazu noch einen theoretischen Diskurs bereitstellen.Bei Peter Friedl allerdings geschieht dies mit besonderer Gewitztheit und Intensität.Dem Rezipienten muß deswegen noch lange nicht klar sein, was es mit seiner Kunst auf sich hat.Dies irritiert den Künstler jedoch kaum, hat er doch Reaktionen auf seinen Diskurs schon von sich aus einmal so kolportiert: "Klingt alles ganz interessant.Aber man sieht es nicht."

In diesem Sinne hat er den Ausstellungsraum des Neuen Berliner Kunstvereins in seinem Sparkassenflair erst einmal entkleidet und in Weiß belassen.So demonstriert Friedl ganz beiläufig, daß der Raum es niemals bis zum "White Cube" bringen wird.Für den Künstler hat dies sogar einen gewissen Vorteil hat, gerät er doch gar nicht erst in Versuchung, eine ästhetisch pure Aura und Ordnung herzustellen.Trotzdem hat Friedl eine nahezu prätentiös sparsame Installation inszeniert aus den Elementen Form und Farbe, Sprache und Zeichen, diese wiederum in Verbindung mit einem Hinweis auf einen außerhalb bestehenden medialen Zusammenhang.Kokett bespielt er auf diese Weise Zentrum und Peripherie des Kunstraums; noch nie hat diese merkwürdige Zwitterposition des Ausstellungsraumes des Neuen Berliner Kunstvereins besser ausgesehen dabei.

Das Wort NINO steht in großen bunten Lettern auf der rückwärtigen Wand; einige Holzkisten mit farbigen Böden sind an einer anderen Seite aufgereiht und locker gestapelt, während gegenüber ein 1,51 Meter hoher Streifen in Silbergrau die Wand markiert.Das Ensemble wird ergänzt durch ein kleines Filmplakat an der Eingangstür, das auf die sechziger Jahre verweist und den italienischen Science Fiction "Terrore nello spazio" ankündigt.Das genügt bereits, um das Libretto, wie Friedl es nennt, auszufüllen.Es ist ein Anti-Libretto, weil der Filmtitel "Terror im Weltall" - als Slogan genommen - die Kinderkisten und die runden tanzenden Lettern ad absurdum führt, ebenso die Leere des Ambientes.

Der Künstler will augenscheinlich vorführen, daß die "kindliche" Unschuld der Hochkunst, beispielsweise der Minimalismus der Sechziger und Siebziger, mit dem amerikanisierten Populären, etwa dem Film, nichts zu tun hat.Provozierenderweise ist dies alles verbunden durch den italienischen Revolutionär Antonio Gramsci, der 1937 in einem faschistischen Gefängnis starb.Im Zuge der 68er-Bewegung wurde er erneut populär; gegenwärtig erleben seine Texte eine zweite Renaissance.Gramsci war nur 1,51 Meter groß und wurde von engen Vertrauten "Nino" genannt.Die Schriften dieses Sprachwissenschaftlers und Philosophen gehören zum Kanon der politischen Theorie im 20.Jahrhundert, vor allem seine "Gefängnishefte".

Man könnte die Bezugnahme eine Art neuheitlichen Polit-Kitsch in der Kunst nennen.Aber das ist denn doch zu einfach und schließt die historische Reflektion des Betrachters aus.Er wird so oder so in den Kontext hineingezogen: entweder als Wissender oder als Leerstelle in Bezug auf das Gedankengut eines passiven Widerständlers, der für sein Engagement gestorben ist.In dieser Hinsicht ist die Ausstellung eine subtile Versuchsanordnung, die auslotet, inwiefern Inhalte in den Kunstraum gesetzt werden können, die anderswo keine Chance haben, weil das politische Bewußtsein bereits von der Popularkultur der Medien okkupiert wurde.

Der Vergleich mit den Arbeiten Thomas Hirschhorns zu Otto Freundlich oder zum Transfer von jüdischem Gold in die Schweiz drängt sich auf, beides heikle Hinweise auf die Verbrechen der Nazis.Wo Hirschhorn organisch angewachsene, kumulative Installationen entwickelt, bietet Friedl glatte Eleganz.Und doch sind beides Variationen, die zeigen, wie aktuelle Kunst mit "kunstfremden" und historisch-politisch aufgeladenen Inhalten umgehen kann.Der eine schafft aus billigen, schnell vergänglichen Materialien eine Ästhetik, die sozusagen "auf der Straße liegt" und offenbart etwas damit.Der andere imitiert und instrumentalisiert die sanktionierten Versatzstücke der Kunstinszenierung, um einen anderen Kontext darin einzukleiden.

Neuer Berliner Kunstverein, Chauseestraße 128/129, bis 28.Februar; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 12-16 Uhr.

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