Kultur : Terror im Turm

RÜDIGER SINGER

Sebastian Hartmann inszeniert "kalter plüsch" im TachelesVON RÜDIGER SINGEREigentlich kann man nur noch den Strick nehmen, wenn man sich, wie der Militärschriftsteller Edgar und die einstige Schauspielerin Alice, seit fünfundzwanzig Jahren in einem Turm ehelich anödet.Sie nehmen ihn; und sind dabei richtig nett zueinander, der Strick verbindet.Schade nur, daß Alices Vetter Kurt jetzt erscheint, zur Silberhochzeit.Doch nach der ersten Peinlichkeit prusten alle drei los in unbändigem Gelächter. Ganz so steht das nicht in Strindbergs fast hundert Jahre altem sinistren Seelendrama "Totentanz" und noch nicht einmal in Dürrenmatts Bearbeitung "Play Strindberg" von 1968, die, akrobatisch-absurd, "eine bürgerliche Ehetragödie" durch eine "Komödie über die bürgerlichen Ehetragödien" ersetzt; wohl aber in der Bearbeitungsbearbeitung "kalter plüsch" des 1968 geborenen Sebastian Hartmann im Tacheles.Doch der Fast-Suizid ist noch seine sanfteste Neuerung: Thomas Lawinky als markiger Jammerlappen Edgar, Cordelia Wege als Alice mit Süße und Renitenz und Guido Lamprecht als Kurt mit der tückischen Milde eines BWL-Studenten handhaben Klaviertasten, Platzpatronen und ein Fagott, vor allem aber Körper und Stimme zwischen Plappern und Würgen, Singen, Kotzen und Kommentieren aufs virtuoseste. Mitunter läuft das zwar auch ins Leere; oft aber glückt die Umsetzung von (zwischen-)menschlichen "Krankheits"-Symptomen - bisweilen auch von politischen - in Bühnenabläufe.Wenn freilich am Schluß ein Rocky-Horror-Clip auf den Hintergrund projiziert und im Vordergrund nochmal rumgeballert wird, ist die Sympathie weniger bei jenem engelsweißen, jetzt wohl exekutierten Mägdelein (Julia Hartmann), das mit verbundenen Augen von Unendlichkeit sprach, als bei dem grünen Leguan, der noch immer mit unerschütterlicher Würde am linken Bühnenrand weilt. Kunsthaus Tacheles, 16.-19.und 23.-26.April, jeweils 21 Uhr.

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