Kultur : Terror-Tage

Ein neuer Berlin-Roman von Michael Wildenhain

Armin Leidinger

Manch einer hat nach dem Krieg seinen alten Namen verschwiegen. Und sich einen neuen zugelegt. So auch eine der Figuren in Michael Wildenhains „Träumer des Absoluten“. Namen sind austauschbar, lehrt uns der Roman. Nicht selten stehen sie für verschiedene Facetten ein und derselben Person.

Wildenhains Roman müsste eigentlich „Tariq“ heißen. Denn alles dreht sich um ihn. Dabei gibt es auch einen Ich-Erzähler. Jochen heißt er, kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und liebt die Mathematik. Doch abgesehen davon bleibt er so blass, dass man sich zur Hälfte des Romans fragt: Gibt’s den überhaupt als ernstzunehmende Figur? Wie ein Dr. Watson den genialen Sherlock Holmes begleitet, um über dessen Taten zu berichten, so heftet sich Jochen an die Fersen von Tariq. Dieser Tariq, erfährt der Leser schon auf den ersten Seiten, wird sich nach einer Zeit in der Berliner Hausbesetzerszene und der Zugehörigkeit zu einer linken Terrorgruppe islamistischen Kreisen zuwenden und an einem Terroranschlag beteiligen. Gescheitert sitzt er nackt auf einem Felsen des Montblanc und bittet Jochen, ihn allein zu lassen.

Ausgehend von diesem Bild des Scheiterns rollt Wildenhain seinen Erzählfaden aus. Durch Kindheit und Schulzeit hindurch folgt man Jochens Blicken auf Tariq, die durchaus auch einen voyeuristischen Zug haben. Ein Mädchen, Judith, kommt hinzu. Mit zunehmendem Alter entwickelt sich eine Dreierbeziehung, ein Fließen erotischer Energien. Doch auch, wenn Jochen mit Judith allein ist, spricht er nur von Tariq. Erst in der zweiten Hälfte des Romans beginnt der Ich-Erzähler überhaupt selbst zu denken und zu empfinden. Er lebt einige Zeit inmitten der Schöneberger und Kreuzberger Hausbesetzerszene, beginnt eine Karriere als Mathematiker, zeugt zwei Kinder mit Judith, tritt, nach der Trennung, eine Professur in Tübingen an – und emanzipiert sich vom Übervater Tariq, der endlich etwas in den Hintergrund tritt.

Das Thema Hausbesetzung verweist auf Wildenhains frühere Bücher wie „zum beispiel k.“ oder „Die kalte Haut der Stadt“, mit denen er zum literarischen Nachlassverwalter der Berliner Autonomenszene wurde. Auch in „Träumer des Absoluten“ geht es um die Möglichkeit eines alternativen Lebensentwurfs. Dabei schreibt Wildenhain erkennbar aus der Retrospektive und immer schon vor dem Hintergrund des Scheiterns. So liest sich sein Roman zeitweilig wie das Epitaph der Revolte. Sollte Rüdiger Safranski mit seiner These recht haben, dass die 68er Romantiker waren, dann gliche „Träumer des Absoluten“ rein formal Eichendorffs „Taugenichts“. Ein Roman, der die Schlagwörter einer Bewegung nur noch zitieren kann, weil sie bereits vorbei ist.

Für einen großen literarischen Wurf ist Wildenhains Sprache zu konventionell und seine Syntax zu ungelenk. Wenn er eine erotische Szene beschreibt, „verfahren“ seine Figuren wie nach Plan und „nehmen wahr“. Ein Wunder, dass sie auf dieser abstrakten Ebene überhaupt zu Sache kommen. Am Ende wird die Erzählung als Doppelgängergeschichte aufgelöst: Tariq und Joachim sind, um einen früheren Titel Wildenhains abzuwandeln, „ungleiche Zwillinge“.Armin Leidinger

Michael Wildenhain: Träumer des Absoluten. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, 334 S., 19,90 €.

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