Kultur : Terror und die Medien: Der Krieg wird zu Hause entschieden

Malte Lehming

Wenn es um die Medien geht, ist Amerikas Regierung empfindlich, nervös, gereizt. Sie weiß, dass im Kampf gegen den international operierenden Terrorismus ihre Raketen kaum wichtiger sind als die Bilder, die über die TV-Geräte in aller Welt flimmern. Spätestens seit Vietnam ist selbst den Militärs klar, dass jeder Krieg zwar an der Front geführt, aber zu Hause entschieden wird. In Kriegszeiten wird den Menschen die Wirklichkeit eben noch stärker medial vermittelt als sonst. Live dabei ist derzeit schließlich keiner. Bilder aus jenen Teilen Afghanistans, die von den Taliban kontrolliert werden, sind Mangelware.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Wie spannungsgeladen die Atmosphäre ist, wurde just beim Blitzbesuch des deutschen Bundeskanzlers deulich. Da stand Präsident George W. Bush am Dienstag mit Gerhard Schröder im Rosengarten des Weißen Hauses. Doch nur ein Thema dominierte die gemeinsame Pressekonferenz: Einige Kongress-Abgeordnete hatten wenige Tage zuvor Material öffentlich gemacht, das als geheim eingestuft gewesen war. Bush beschränkte daraufhin drastisch den Zugang zu solchen Informationen und zeigte sich wütend wie selten. Seine Schelte beschränkte sich allerdings auf die Überbringer der Nachricht. Die Zeitung, die sie publiziert hatte, sparte er aus.

Dauerbrenner

Was muss, was soll, was darf im Krieg gezeigt und geschrieben werden? Dieses Thema entwickelt sich zum Dauerbrenner in den USA. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf verlässliche Informationen, die Soldaten vor Ort haben ein Recht darauf, dass ihr Leben nicht gefährdet wird. Amerika will im Kampf gegen den Terror erfolgreich sein, es will aber auch ein freies Land bleiben. Ein Teil dieser Diskussion sind die beiden bin-Laden-Videos, die von allen großen US-Nachrichtensendern in voller Länge ausgestrahlt wurden. Eine zusätzliche Legitimation für ihre Militäroperation erhält die Regierung dadurch nach eigener Einschätzung nicht. Ihre Beweise gegen das Terror-Netzwerk Al Qaida, sagt sie, seien schon vor dem Angriff auf die Infrastruktur des Taliban-Regimes stichhaltig gewesen. Der Geständnis-Charakter der Videos ist für die USA nicht so interessant wie deren möglicher Propagandawert.

Sendet Osama bin Laden verschlüsselte Botschaften an seine "Schläfer" aus? Machen sich die Fernsehstationen, die seine Rede ausstrahlen, zu willigen Vollstreckern seiner psychologischen Kriegsführung? Innerhalb der Medien werden solche Fragen heftig diskutiert. Durchgesetzt hat sich die Gegenposition: Die Videos sind eine wichtige Quelle, die Aufschluss darüber gibt, wie der Gegner denkt und mit welchen Mitteln er versucht, auf mögliche Gefolgsleute Einfluss zu nehmen. Auch Hitlers "Mein Kampf" hätte man nicht verbieten, sondern nur gründlich lesen und ernst nehmen müssen.

Anti-amerikanische Hetze

Interventionen der Regierung gegen das Zeigen der Videos gab es nicht. Denn auf Restriktionsversuche reagieren die US-Medien für gewöhnlich schroff. Dass Außenminister Colin Powell sich über die anti-amerikanische Hetze des in Qatar ansässigen arabischen Satellitensenders Al Dschasira beschwerte, wird ebenso kritisiert wie das Verbot, ein Interview mit dem Chef der Taliban, Mohammed Omar, im US-Radiosender "Voice of America" auszustrahlen. In der islamischen Welt gebe es schon genug Zensur, schreibt etwa die "New York Times", und besser als jede US-Intervention sei es, wie Tony Blair oder Schimon Peres sich mit dem Sender Al Dschasira einfach zum Interview zu verabreden.

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