Kultur : Terror und die Medien: Wahn per Massenmedium

Peter Siebenmorgen

Im deutschen Herbst 1977, auf dem Höhepunkt des Terrors der Rote Armee Fraktion (RAF) in Deutschland, gab es noch keine Nachrichtenkanäle. Dennoch war das Fernsehen, besonders die damals noch als quasi-offiziell wahrgenommene "Tagesschau", ein bevorzugtes Medium der Terroristen für die Kommunikation ihrer Botschaften. Zumeist liefen die Bekennerschreiben nach Banküberfällen oder Attentaten bei Nachrichtenagenturen ein, aber deren Verbreitung im elektronischen Massenmedium, die nie lange auf sich warten ließ, war durchaus erwünscht.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Diese Botschaften hatten stets mehrere Funktionen: Sie sollten nicht nur die ideologische Begründung des terroristischen Tuns breitenwirksam vermitteln, sondern ihre Sendung in den elektronischen Medien erfüllte stets auch den Zweck, das Selbstwertgefühl der Täter zu heben.

Die Möglichkeiten für audio-visuellen Mitteilungen waren seinerzeit aus technischen Gründen noch eng begrenzt; dennoch kannten bereits die Terrorkommandos der siebziger Jahre die ungeheure Macht von Bildern zum Transport von Botschaften.

Kommunikationsstrategie des Terrors

Die öffentlich verbreiteten Fotos des von Mitgliedern der terroristischen Vereinigung 2. Juni entführten Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz dienten nicht nur dem Zweck, glaubaft zu machen, dass sich Lorenz in ihrer Gewalt befand, sondern sollten auch durch die Zurschaustellung des elenden Zustands ihres Opfers darauf hinwirken, ein günstiges Klima für die Erfüllung ihrer Forderungen herzustellen.

Den gleichen werbeträchtign Sinn hatte das von der Rote Armee Fraktion nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer aufgenommene Video vom Entführten.

Die direkte Mitteilung über Bild-Dokumente und Bekennerschreiben war aber nur ein Teil der terroristischen Kommunikationsstrategie. Ebenso wichtig war die Verbreitung etwa von Nachrichten über die angeblich menschenunwürdigen Haftbedingungen der bereits verurteilten Terroristen und vermeintlicher Gewalttätigkeit des Staates. Damit sollte einerseits öffentlichkeitswirksam das Feindbild vom zu bekämpfenden "Schweinestaat" untermauert werden. Andererseits sollten solche Kommunikationskampagnen darauf hinwirken, ein breites Sympathisantenfeld aufzubauen. Diesem kam natürlich Bedeutung bei der Multiplikation der ideologischen Botschaften der Terrorgruppen zu. Wichtiger waren aber noch die sich dadurch bietenden Möglichkeiten, neue Unterstützer oder Aktivisten zu rekrutieren.

Den Höhepunkt dieser Form von terroristischer Kommunikation stellten die wirkungsvoll inszenierten Selbstmorde der in Stuttgart-Stammheim Freiheitsstrafen verbüßenden Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe dar. Über die Motive der Selbsttötungen nach der geglückten Geiselbefreiung von Mogadischu wird sich völlige Sicherheit nicht erzielen lassen. Aber wahrscheinlich waren sie letztlich Ausdruck von Hoffnungs- und Ausweglosigkeit.

Letzter großer Dienst

Dennoch gelang es den in Stammheim einsitzenden Terroristen, jenen Genossen, für die der "Kampf" noch weiter gehen sollte, mit ihren Selbstmorden einen letzten großen Dienst zu leisten: Sie arrangierten ihren Abschied aus dem Leben so, dass dieser sich als Mordtat des Staates an ihnen kommunizieren ließ und als böser Mythos weiterlebte.

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