Kultur : Terror & Liebe

Yasmina Khadras Roman „Die Attentäterin“

Joachim Otte

Mohammed Moulessehoul weiß, worüber er schreibt. Er hat den Krieg gegen den militanten Fundamentalismus und den Islamismus selbst geführt, mit dem Stift in der einen Hand und dem Gewehr in der anderen. Als Offizier der algerischen Armee hatte er es mit einem Terror zu tun, der die Taliban, sagt er, im Vergleich wie „Chorknaben“ aussehen lässt. Noch als Soldat begann er unter dem Pseudonym Yasmina Khadra Bücher zu veröffentlichen, in denen er auch den kaltblütigen Opportunismus des algerischen Regimes bloßlegte. Dies war ein Grund dafür, dass er vor sechs Jahre nach Frankreich ins Exil ging. Vor allem aber sind Khadras Bücher der literarische Versuch, die inneren Mechanismen des Fundamentalismus bloßzulegen.

Sein neuer Roman „Die Attentäterin“ führt ins Herz der israelisch-palästinensischen Finsternis. Dorthin, wo ein Mensch keine Träume außer dem vom Tod kennt, wo der Krieg der Vater aller Dinge und die Summe alles Bösen ist. Khadra bringt kein Licht ins Dunkel, er lotet es aus. Hell ist nur der Blitz der Explosion der israelischen Rakete oder des Sprengstoffgürtels an der schlanken Taille einer Frau in einem Restaurant, die kultiviert und schön gewesen sein muss.

Zwei Explosionen stehen am Anfang des Buches, und beide bedeuten auf je verschiedene Weise das Ende von Amin Jaafari. Als hochangesehener Chirurg führt Jaafari mit seiner Frau Sihem eine bürgerliche Musterehe in Tel Aviv; beide leben, obwohl arabischer Herkunft, wohlintegriert in der israelischen Gesellschaft. Dann explodiert das Restaurant. Der Arzt tut seinen grässlichen Notdienst. Noch in derselben Nacht muss er in die Klinik zurück, um erstens die Leiche seiner Frau zu identifizieren und zweitens zu erfahren, dass sie die Selbstmordattentäterin war.

Die ebenso brillante wie diabolische Ausgangslage seines Romans erlaubt es Khadra, den Arzt nicht nur zum Kommissar in eigener Sache zu machen und ihn auf eine unerbittliche und unerbittlich spannende Suche nach den Hintergründen und -männern seiner Heimsuchung zu schicken. Israel-Palästina und zurück. Zugleich ist Jaafari als Stellvertreter des Lesers unterwegs, um jene ideologischen Strukturen und Inhalte kenntlich zu machen, die dahinterstecken: „Was habt ihr ihr nur erzählt, um aus ihr ein Monster zu machen, eine Terroristin, sie, die es noch nicht einmal ertrug, einen Welpen wimmern zu hören?“

Was sie ihr erzählten, bekommt auch er, der Arzt-Leser, zu hören. Sie möchten wirklich, dass er es versteht. Doch er tut es nicht: „Seine Logik ist glasklar, doch ich stoße mich an ihr wie eine Mücke an einem Glas.“ Stattdessen setzt Jaafari seinen ebenso klaren Humanismus dagegen, der nur einen Kampf akzeptiert, den „des Chirurgen, der darin besteht, das Skalpell gegen das Zepter des Todes zu führen und das Leben neu zu erfinden“. Aufgeklärte Europäer, die wie Jaafari glauben, mit dem Skalpell der ethischen Vernunft die Abszesse des Fundamentalismus sezieren zu können, können eine Selbstmordattentäterin grundsätzlich nicht verstehen. Aber vielleicht gelingt es ihnen – so paradox es klingen mag – immerhin, ihr Nichtverstehen besser zu verstehen.

Khadra relativiert nicht den Terrorismus, wie ihm absurderweise vorgeworfen wurde, sondern den europäischen Begriff davon. Der palästinensische Kommandeur erklärt dem Arzt, dass seine Kämpfer weder Islamisten noch Fundamentalisten seien, sondern „die Kinder eines verhöhnten und beraubten Volkes“ im Kampf um Freiheit, Würde und Vaterland. Alle täuschen sich: Wir Europäer tun es, wenn wir glauben, eine Selbstmordattentäterin sei automatisch eine ideologisch ferngesteuerte Marionette; der Kommandeur, wenn er glaubt, dass ein Freiheitsbegriff, der sich mit seinen eng geschnallten Sprengstoffgürteln selbst erdrosselt, kein fundamentalistischer sei; Sharon, weil er dabei war, „die Thora verkehrt herum zu lesen“, wie Jaafari von einem alten Juden hört, einer moseshaften Versöhnungsgestalt. Jaafaris Wut auf die israelischen Bagger, die das Haus seiner Verwandtschaft dem Erdboden gleichmachen, steht der Wut auf den Kommandeur in nichts nach. Wenn am Ende dieses großartigen Buches dieselbe Bombe noch einmal hochgeht, ist sie für uns zwar ebenso grauenhaft – und doch eine andere. Joachim Otte

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Yasmina Khadra : Die Attentäterin. Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Nagel & Kimche im Hanser Verlag, München 2006. 270 Seiten, 19,90 €.

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